[Zusammenhang:] Dem Schwachen helfen zu wollen ist Nächstenliebe, dem Starken Hochmut.
…
Nebenbei bemerkt sollte man wissen, dass wir meistens auch Gott, der natürlich nicht schwach ist, helfen können, wenn wir demütig handeln. Daher sagt Paulus: Wir sind nämlich Gottes Helfer (1 Kor 3, 9). Denn wenn wir dem, der selbst uns durch die innere Gnade erfüllt, mit ermahnender Predigt beispringen, helfen wir bei dem, was er selbst innerlich durch den Geist wirkt, durch den äußerlichen Dienst an euch; und dann allein wird unsere Ermahnung zum Ziel geführt, wenn es im Herzen Gott ist, dem wir helfen wollen. Daher sagt er auch anderswo: Weder wer pflanzt ist irgendwas, noch wer gießt, sondern der das Wachstum gibt: Gott (1 Kor 3, 7). Pflanzen und Gießen ist naklar Helfen. Doch beide Dienste werden vergeblich sein, wenn nicht Gott im Herzen Wachstum schenkt.
Wenn aber welche von ihrer Ansicht so hoch denken, dass sie demütige Helfer Gottes nicht sein wollen, dann werden sie sich, während sie meinen, Gott nützlich zu sein, von der Frucht der Nützlichkeit* entfremden.
(PL 76: 23f.)
* dem durch die pastorale Tätigkeit erhofften geistlichen Wachstum
Dienstag, 9. Februar 2021
Papst spricht zum synodalen Weg
Montag, 21. Dezember 2020
Sokrates’ Corona-Rat zur Weihnachtszeit
„Also, Bester, sieh zu, ob nicht das Edle und Gute etwas ganz anderes ist als das Erhalten und Erhalten-Werden. Muss nicht ein Mann, der es wahrhaftig ist, eben dies, nur zu leben, solange es eben geht, aufgeben, und keineswegs am Leben hängen, sondern dies muss er Gott überlassen und den Weibern glauben, dass doch ‚keiner seinem Schicksal entgeht’, und nur darauf sehen, auf welche Weise er während der Zeit, die er nun zu leben hat, am besten leben möge, ob so, dass er sich selbst dem Staat ähnlich mache, in dem er wohnt, wenn du bei ihm beliebt sein und großen Einfluss in der Stadt haben willst? Sieh zu, ob es dir und mir wirklich nützt.“
(Platon, Gorgias, 512d-513a)
Oder kurz und knackig:
„Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? Nach alldem streben die Heiden. Ihr aber sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit.“
(Mt 6, 27.32a.33a)
Mittwoch, 4. November 2020
Vergiss nicht, dein Brot zu essen
Hört [den Herrn] selbst: Wer mich liebt, sagt er, bewahrt meine Worte, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen. Aber was bedeutet das: wer mich liebt, wird meine Worte bewahren? Wo sind sie zu bewahren? Ohne Zweifel im Herzen, wie der Prophet sagt: In meinem Herzen verberge ich deine Aussprüche, damit ich nicht gegen dich sündige. Aber auf welche Weise bewahrt er im Herzen? Reicht es aus, bloß im Gedächtnis zu bewahren? Über diese Art des Bewahrens sagt der Apostel: Wissen bläht auf. Darüber hinaus löscht das Gedächtnis leicht das Vergessen. Daher bewahre das Wort Gottes, wie du es besser bewahren kannst: wie die Nahrung deines Körpers. Denn jenes ist auch lebendiges Brot und Nahrung des Geistes. Irdisches Brot kann, solange es im Kasten ist, vom Dieb weggenommen, von der Maus zernagt oder durch Alter verdorben werden. Wenn du es aber gegessen hast: was von dem würdest du fürchten? Auf diese Weise bewahre das Wort Gottes: Selig, die es bewahren. Also verleibe es gewissermaßen dem Inneren deiner Seele ein, dass es in deine Gesinnungen und Gewohnheiten übergehe. Esse das Gute, und deine Seele wird in Fülle erfreut werden. Vergiss nicht, dein Brot zu essen, damit nicht dein Herz austrockne, sondern mit Fett und Öl deine Seele aufgefüllt werde. Wenn du das Wort Gottes so bewahrst, wirst du ohne Zweifel von ihm bewahrt werden. Kommen wird nämlich zu ihm der Sohn von Vater, kommen wird der große Prophet, der Jerusalem erneuern wird, und er wird alles neu machen. So nämlich kommt er, dass wir, wie wir das Abbild des Irdischen tragen, auch das Abbild des Himmlischen tragen werden. Wie der alte Adam durch den ganzen Menschen verstreut wurde und ihn ganz besetzt: auf die gleiche Weise soll auch Christus den ganzen [Menschen] in Besitz bekommen, der den ganzen erschaffen, den ganzen erlöst hat und den ganzen verherrlichen wird, und der den ganzen Menschen heil gemacht hat. Es war in uns einst der alte Mensch, jener ungetreue Verwalter war in uns sowohl in der Hand als im Mund und im Herzen. In der Hand doppelt: durch Verbrechen und Laster. Im Mund gleichfalls durch Anmaßung und Herabwürdigung. Im Herzen auch durch Verlangen des Fleisches und Verlangen nach weltlichen Ehren. Jetzt aber als neue Schöpfung in ihm, vergehe das Alte, und gegen das Verbrechen in der Hand stehe Unschuld, gegen Laster: Enthaltsamkeit. Im Herzen gegen Anmaßung: das Wort des Bekennens, gegen Herabwürdigung: ein Wort der Erbauung, dass das Alte aus unserem Mund weiche. In unseren Herzen wahrlich gegen das Verlangen des Fleisches: Nächstenliebe, und Demut gegen zeitlichen Ruhm.
Freitag, 23. Oktober 2020
schlimme Zeiten für die Morallehre
Tempores
mutantur, nos et in illis mutamur; forsan olim fuisse meminisse adiuvat.
(Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen; möglich, dass was einst gewesen zu erinnern hilft.)
Wer meint, die Kirche mache gegenwärtig schlimme Zeiten durch, möge betrachten, welche „Irrtümer einer lockeren Morallehre“ das Heilige Offizium im September 1665 ausdrücklich zu verurteilen für nötig hielt:
[...]
17. Est licitum religioso vel clerico, calumniatorem gravia crimina de se vel de sua religione spargere minantem occidere, quando alius modus defendendi non suppetit: uti suppetere non videtur, si calumniator sit paratus vel ipsi religioso, vel eius religioni publice et coram gravissimis viris praedicta impingere, nisi occidatur.
18. Licet interficere falsum accusatorem, falsos testes ac etiam iudicem, a quo iniqua certo imminet sententia, si alia via non potest innocens damnum evitare.
19. Non peccat maritus occidens propria auctoritate uxorem in adulterio deprehensam.
17.
Frei steht es einem Ordensmann oder Kleriker, einen Verleumder, der schwere
Anschuldigungen über ihn oder seinen Orden zu verbreiten droht, zu töten, wenn
eine andere Weise der Verteidigung nicht zur Verfügung steht: wie etwa der Fall
ist*, wenn der Verleumder bereit ist, den Ordensmann oder seinen Orden
öffentlich und vor gewichtigen Leuten Vorstehendes anzutun, wenn er nicht
getötet wird.
*
wörtlich: nicht zur Verfügung zu stehen scheint
18. Es ist erlaubt, einen falschen Ankläger, falsche Zeugen oder auch den Richter, von dem sicher ein ungerechtes Urteil zu erwarten ist, umzubringen, wenn man nicht auf anderem Wege unschuldig die Niederlage vermeiden kann.
19. Ein Ehemann sündigt nicht, wenn er aus eigener Vollmacht die beim Ehebruch erwischte Ehefrau tötet.
Samstag, 29. August 2020
Das Bad der Tränen
Unter den Werken, die Leo dem Großen zugeschrieben werden, findet sich eine „Ansprache des Erzdiakons an den Bischof für die Versöhnung der Büßer“ (PL 55:157f.), die am Gründonnerstag geschieht. [Wer sich kurz an den liturgischen Zusammenhang, in dem diese Ansprache gehalten wurde, erinnern will, wird weiter unten fündig.]
Die Ansprache
Jetzt ist, ehrwürdiger Bischof, die rechte Gnadenzeit, der Tag der göttlichen Huld und des menschlichen Heils [vgl. 2. Kor 6,2], an welchem der Tod [seinen] Untergang, das ewige Leben aber [seinen] Anfang nimmt: wann im Weingarten des Herrn der Heerscharen sowohl die Pflanzung der Neuen* geschehen als auch der Fluch der Altheit gesühnt werden soll. Obgleich nämlich keine Zeit ohne göttliche Güte und die Vaterliebe Gottes bleibt, ist dennoch jetzt der Nachlass der Sünden durch die Nachsicht freigiebiger, reicher die Aufnahme der Neugeborenen durch die Gnade. Vergrößert werden wir durch die Wiederherzustellenden [die Taufbewerber]; wir wachsen durch die Umkehrer [die Büßer]. Es waschen die Wasser [in der Taufe], es waschen die Tränen [der Büßer]. Daher die Freude über die Aufnahme der Berufenen, deshalb der Jubel über die Lossprechung der Büßer. Daher kommt es, dass dein demütiger Bittsteller [der Büßer, der den Bischof bittet], nachdem er durch Vernachlässigung der himmlischen Gebote und durch Übertretung der löblichen Sitten in verschiedene Arten von Vergehen fiel, erniedrigt und niedergeworfen** mit prophetischem Ruf zu Gott schreit, sagend: „Ich habe gesündigt, ruchlos gehandelt, Missetat begangen, erbarm dich meiner, Herr“. Den evangelischen Ruf mit nicht täuschendem*** Ohr erfassend: „Selig die trauern, denn sie werden getröstet werden“ hat er, wie geschrieben steht, das Brot der Mühsal gegessen [Ps 127, 2], benetzt [sein] Bett mit Tränen [vgl. Ps 6, 6]; sein Herz hat er mit Trauer, seinen Leib zerknirscht mit Fasten, damit seine Seele wiedererlange, was sie verloren hatte: Gesundheit. Einzigartig ist die Hilfe der Buße deshalb, weil sie den Einzelnen nützt und Allen zum Gemeinwohl beiträgt. Dieser also, während er zur Tat der Reue durch so große Beispiele [in der Heiligen Schrift] angeregt wurde, wirft sich unter dem Blick der seufzenden Kirche, ehrwürdiger Bischof, nieder und spricht: „Meine Missetaten erkenne ich, und meine Vergehen stehen immer gegen mich. Wende dein Angesicht von meinen Sünden, Herr, und tilge alle meine Missetaten. Gib mir wieder die Freude deines Heils, und mit einem bereitwilligen Geist stärke mich“ [Ps 51, 5.11.14]. Während er so fleht und die Barmherzigkeit Gottes mit zerknirschtem Herzen verlangt, stelle in ihm, apostolischer Bischof, wieder her, was vom zerstörenden Teufel verdorben ist, und mit den beschirmenden Verdiensten deiner Gebete mache diesen Menschen durch die Gnade göttlicher Versöhnung [wieder] zum Nächsten für Gott, damit er, der vorher in seinen Verkehrtheiten mißfiel, von jetzt an freudig danke, dass er Gott wohlgefalle im Lande der Lebenden, während der Urheber seines Todes besiegt ist.
Der liturgische Zusammenhang:
Beschreibung des Bußritus
[aus Hermann Josef Schmitz „Die Bußbücher und die Bußdisziplin der Kirche“ (Mainz, 1883)]
Aschermittwoch
Die Büßer, welche die Bestimmung ihrer Buße erhalten haben, sollen [aus der Kirche] ausgewiesen werden und vor der Kirchtüre stehen bleiben. Dann wird im Chor die Sext gebetet und die Weihe der Asche vollzogen. Der Bischof zieht hierauf in feierlichem Zuge mit seinen Assistenten und dem gesamten Klerus in die Mitte der Kirche und lässt sich dort auf einem für ihn bereiteten Sitz nieder; der Klerus stellt sich zu seiner Rechten und seiner Linken in einer Reihe bis zur Kirchtüre auf. Jetzt tritt der Erzpriester vor und liest die Namen der Büßer seines Archipresbyterates vor. … Die aufgerufenen Büßer treten mit brennenden Kerzen vor, und werfen sich zwischen den Reihen der Kleriker vor dem Bischof nieder; der Erzpriester besprengt sie mit Weihwasser und legt jedem Einzelnen die Asche auf das Haupt. Dann betet der Bischof mit dem Chor zur Erde niedergestreckt abwechselnd die 7 Bußpsalmen …Nunmehr erheben sich die Büßer und der Bischof hält ihnen eine Anrede, in welcher er ihnen ankündigt, dass sie nach dem Beispiele Adams, der seiner Sünden wegen aus dem Paradiese verbannt wurde, nunmehr zeitweilig aus der Kirche verwiesen würden. Dann nimmt der Bischof den ihm zunächst stehenden Büßer bei der rechten Hand; dieser reicht seinem Nächsten und so jeder Büßer seinem Nachbar die Hand; der Bischof führt die ganze Kette aus der Kirche hinaus, während der Chor eine Antiphon von dem Fluche Gottes über Adam singt. Auf der Türschwelle der Kirche stehend ermahnt der Bischof die ausgewiesenen Büßer, nicht zu verzweifeln, sondern durch Fasten, Gebete, Wallfahrten, Almosen und andere gute Werke würdige Früchte der Buße zu bringen. Er kündet ihnen an, dass sie am Gründonnerstag wieder kommen sollen, damit sie alsdann in die Kirche zurückgeführt würden, welche sie vorher zu betreten nicht wagen sollten. Während der Bischof alsdann mit dem Chor zurückkehrt zum Altar, werden die Tore der Kirche verschlossen.
Das Pontificale erwähnt die in einigen Kirchen übliche Praxis, am Morgen des Gründonnerstags auf Geheiß des Bischofs eine Messe für die Büßer zu lesen und zwar an einem Altare, der nahe an den Kirchtüren sich befinde. Hiernach sollen die dazu bestimmten Priester den Büßern die Beichte abnehmen, [dabei] genau erforschen, wie sie im Laufe der Quadragesima gelebt und die Buße geleistet haben, sowie die Namen derselben, die Jahre der Buße und die Vergehen mit den betreffenden Umständen aufzeichnen, damit der Bischof leichter über die Anklage der Einzelnen entscheiden könne. Nach der abgelegten Beichte soll der Bischof mit den Priestern vor der Sext darüber Beratung abhalten, welche würdig seien, rekonziliert zu werden. …
Der Bischof mit den 4 Diakonen und der Erzdiakon, alle im großen Ornat gekleidet, werfen sich auf die Stufen des Altares nieder und beten die 7 Bußpsalmen und die [Allerheiligen‑]Litanei; die Büßer knien unterdessen mit nackten Füßen vor den Türen der Kirche und halten ausgelöschte Kerzen in den Händen. Die Litanei wird bei der Bitte »alle heiligen Patriarchen und Propheten – bittet für uns« unterbrochen, indem der Bischof zwei Subdiakone mit brennenden Kerzen zu den Büßern sendet. Auf der Türschwelle angelangt, zeigen diese die Lichter und singen »Sowahr ich lebe, spricht der Herr, will ich den Tod des Sünders nicht usw.« Bei der Bitte [der Allerheiligen-Litanei] »alle heiligen Martyrer usw.« wiederholen zwei andere Subdiakone dieselbe Zeremonie mit den Worten: »So spricht Gott: tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe.« Bei dem »Agnus Dei« wird der Erzdiakon zu den Büßern mit großer angezündeter Kerze gesandt; er singt die Antiphon: »Erhebt eure Häupter usw. « und alsdann werden die Kerzen der Büßer angezündet. Nach dieser schönen Zeremonie begibt sich der Bischof mit dem gesamten Klerus in die Mitte der Kirche, und der Klerus stellt sich wieder wie am Aschermittwoch in zwei Reihen bis zu den Toren der Kirche auf. Der Erzdiakon ermahnt die Büßer: »Steht in Stille « und hält dann die auch vom Ordo Romanus mitgeteilte Ansprache an den Bischof [s.o.], in welcher er auf die begonnene Zeit der Gnade hinweist und die Wiedervereinigung der Büßer mit der Gemeinschaft erfleht. Der Bischof richtet an die Büßer eine kurze Ermahnung, wie sie demnächst ihr Leben führen sollen, da sie nunmehr auf Grund der Barmherzigkeit Gottes in die Kirche zurückgeleitet würden. Nach einer dreimaligen Aufforderung des Bischofs »Kommt! Kommt! Kommt!«, machen die Büßer jedes Mal eine Kniebeugung und werfen sich zuletzt unter das Tor der Kirche vortretend zu Füßen des Bischof nieder. Auf eine abermalige Bitte des Erzpriesters um Wiederaufnahme der Büßer fragt ihn der Bischof »Weißt du, dass sie der Versöhnung würdig sind?«; er antwortet mit den Worten: »Ich weiß und bezeuge, dass sie würdig sind«. Dann erheben sich die Büßer, reichen sich die Hand und werden in einer Reihe von dem Bischof, der die Hand des ersten ergreift, also in gleicher Weise wie am Aschermittwoch ihre Ausweisung geschah, wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche zurückgeführt. Hierauf folgt eine Zahl von Gebeten, unterbrochen durch eine Präfation und zum Schluß die Absolution, mit welcher die Rekonziliation vollendet ist.