Samstag, 29. Oktober 2022

Blick in den Abgrund ("Arbeitsdokument für die kontinentale Phase ...")

Das „Arbeitsdokument für die kontinentale Phase der Synode zur Synodalität“ (DCS, wie es in der englischen Fassung abgekürzt ist) steht zur Verfügung, in welche Freunde des gepflegten Grusels einen kurzen Blick tun wollen.

Was es mit der Synodalität genau auf sich hat, kann natürlich – entsprechend der Philosophie, die den Verlautbarungen des gegenwärtigen Pontifikats zugrunde liegt – nicht in wenigen klaren Worten gesagt werden, sondern muß ein unter vielen hehren Phrasen wohl verborgenes Geheimnis, ein Mysterium eingehüllt in Rätsel, bleiben.

So wird statt einer Definition im engeren Sinne, für welche in der Einleitung (fünf Seiten lang, die Einteilung des Dokuments in vier Teile – „Die Erfahrung der synodalen Reise“, „Hören auf die Schrift“, „Hin zu einer missionarischen synodalen Kirche“ und „Die nächsten Schritte“ beschreibend) auf nicht näher spezifizierte sonstige Dokumente auf der Synoden-Webseite (deren treffende Definition der Synodalität, wenn sie denn existierte, doch wohl ohne großen Aufwand hätte wiederholt werden können) verwiesen wird, ein „gemeinsames Verständnis der Erfahrung der Synodalität, wie sie von den Teilnehmern gelebt wurde“ (das auf 4 ¼ Seiten ausgebreitet den ersten Teil des DCS ausmacht) angeboten.

Für den Fall, daß jemand die Ursache des Wortsalats in meiner mißlungenen Übersetzung vermutet, sei hier die vorliegende Version zitiert. Dort heißt es unter Nr. 9:

„In this way it [the DCS] does not provide a definition of synodality in the strict sense – for this you can refer to the PD or the materials listed on the Synod website (www.synod.va) – but expresses the shared sense of the experience of synodality lived by those who took part.“
Der zweite Teil des Dokuments (Hören auf die Schrift) wird in der Einleitung kurz (wie es angemessen ist, weil er in den 45 Seiten des Dokuments nur anderthalb Seiten beansprucht), abgehakt, indem unter Nr. 10 die Überschrift des DCS „Mache den Raum deines Zelts weit“ aus Jesaja 54, 2 als „Bild und Erzählung, die einen Schlüssel zur Deutung der Inhalte innerhalb des DCS [das Englisch ist auch komisch] im Lichte des Wortes darstellt, die sie [die Inhalte] in den Bogen von Gottes Verheißung, der eine Berufung für sein Volk und seine Kirche wird, stellt“ beschrieben wird.

Wer meint, solches Geschwafel könne unmöglich tatsächlich im Dokument stehen, überzeuge sich selbst:

„10. The second chapter presents a biblical icon, the image of the tent with which chapter 54 of the book of Isaiah opens. This image and narrative represents a key to an interpretation of the contents within the DCS in the light of the Word, placing them in the arc of God’s promise that becomes a vocation for his People and his Church: “Enlarge the space of your tent!”“
Eventuelle Zweifel an der Übersetzungsleistung kann man niemandem verübeln, gehören sie doch [wenn ich kurz vorgreifen darf] neben den „Schwierigkeiten zu verstehen, was Synodalität überhaupt bedeuten soll“ zu den häufig geäußerten Kritikpunkten „Herausforderungen, welche die Berichte [der Bischofskonferenzen zur nationalen Phase] nicht verbergen“, weshalb (Nr. 18) die „Notwendigkeit zu größerer Anstrengung bei der Übersetzung der Vorlagen“ gesehen wird. Ohne die italienischen Originale auch nur angeguckt zu haben, wage ich doch zu behaupten, daß die Wurzeln des Problems nicht die Übermittlung, sondern die Klarheit des zugrundeliegenden Gedanken ist.

Der dritte Teil soll die „Schlüsselwörter der synodalen Reise“ [Gemeinschaft, Teilhabe, Mission] „klar zur Sprache bringen“ und sie mit den „Früchten des Hörens auf das Volk Gottes“ verbinden, indem es sie um fünf „produktive Spannungen“ sammelt (Nr. 11). Ich erspare die Details, will nur – um zu zeigen, wie sehr ich die Stoßrichtung des Dokuments oder der Synodalität verinnerlicht haben – eine der Spannungen in Form eines Rätsels präsentieren:

Welche ist wohl durch „macht Gemeinschaft spürbar, ermöglicht die Ausübung der Teilhabe und nährt den Schwung zur Mission“ charakterisiert?

Volle Punkte bekommt nur, wer „eucharistische Liturgie“ erkannt hat. „Messe“ gibt einen Trostpreis. Wer „Darbringung des heiligen Messopfers“ gedacht hat, gehört einer anderen (als der synodalen) Religion an.

Der vierte Teil will uns auf der geistlichen Ebene „auf einen Horizont der missionarischen synodalen Umkehr“ ausrichten (Nr. 12), und auf der methodischen die Tagesordnung für die kontinentale Phase festlegen.

Abschließend (Nr. 13) erläutert die Einleitung, was synodale Kirche bedeutet. Nämlich: „eine Kirche, die vom Hören lernt, ihre evangelisierende Mission im Lichte der Zeichen der Zeit zu erneuern“.

Interessant ist hier die Umkehr der Lichtrichtung, sozusagen. Während „das Konzil“ (in Gaudium et Spes Nr. 4) die Kirche „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ verpflichtet sah, geht in der synodalen Synodalität das Licht plötzlich von den Zeitzeichen aus. Das ist ja fast wie in Offb 21, 23 – nur halt „im Gegenteil“, wie meine Kinder, als sie noch klein waren, gerne sagten.

Die synodale Kirche „lernt“ vom Hören auf Fernstehende und Ungläubige. Die Konzilskirche kennt dieses Hören auch, schließt daran aber andere Schritte an, wie GS 44 lehrt:

„Zur Steigerung dieses Austauschs [zwischen der Kirche und den verschiedenen nationalen Kulturen] bedarf die Kirche vor allem in unserer Zeit mit ihrem schnellen Wandel der Verhältnisse und der Vielfalt ihrer Denkweisen der besonderen Hilfe der in der Welt Stehenden, die eine wirkliche Kenntnis der verschiedenen Institutionen und Fachgebiete haben und die Mentalität, die in diesen am Werk ist, wirklich verstehen, gleichgültig, ob es sich um Gläubige oder Ungläubige handelt. Es ist jedoch Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen“.
Soviel erstmal dazu.

Donnerstag, 22. Juli 2021

Dieser Mock!

Klingt wie eine Beleidigung, ist aber tatsächlich die Bezeichnung der Co-Vorsitzenden eines Synodalen-Weg-Forums, die sich einen Interview stellten.

Dieser, „der Aachener Bischof, tritt dafür ein, die Verurteilung jeglicher Sexualität außerhalb der (heterosexuellen) Ehe fallenzulassen.“ Er will „nicht mehr sagen müssen, dass alle Sexualität, die außerhalb der Ehe von Mann und Frau gelebt wird, von vorneherein Sünde ist“.

Okay, würde ich sagen, das muss er natürlich nicht sagen. Er könnte einfach zurücktreten und seine Leugnung der Offenbarung woanders ausleben.

Dieser möchte stattdessen „zunächst einmal das Leben der Menschen wirklich wahrnehmen“, dass nämlich Leute keine Ehe, aber Sex wollen, „ohne dass sofort das Damoklesschwert der Gefährdung des Heils über ihnen hängt.“

Ja, das ist das alte Problem seit dem Sündenfall, dass die Konkupiszenz einem dem Weg in den Himmel zu verbauen droht. Was hat man nicht alles dagegen probiert? Gott schenkt Gnade, Moses brachte vom Berg das Gesetz, der Täufer predigte Umkehr, das göttliche Wort selbst wird Mensch, um uns durch seinen Tod zu erlösen – alles für die Katz. 

Denn: „Enthaltsamkeit ist auch eine Gottesgabe. Wenn ein Mensch dazu aber nicht berufen ist, was soll er tun?“ Shit aber auch.

Seine Evangelisierungsversuche (Dieser nennt es mehrfach „Dialog“) scheitern schon am Anfang, wegen der kirchlichen Sexualmoral, besonders hinsichtlich homosexueller Akte [denkt Dieser, während ich nicht ausschließen möchte, dass jemand, der nicht hinter dem steht, was er verkünden soll, halt nicht sonderlich glaubwürdig wirkt].

Er [fordert daher, er] müsse „glaubhaft sagen können, dass das ein alter Hut ist“.

Der „Hut“ ist zugegebenermaßen alt, gilt schon seit Beginn der Welt, wurde seinerzeit auch beherzter aufgesetzt (Gen 18, 20 – 19, 25; Lev 18, 22; 20, 13; 1 Kor 6,9; Röm 1,26f.; 1 Tim 1,10; in Deutschland bis 1994: §175 StGB).
Bei Dieser ist das anders. Ohne den alten Hut geht es besser: die Leute können „die Botschaft des Glaubens“ hören, wie in:

„Ich möchte den Menschen endlich mit Freude sagen können, dass die Botschaft des Glaubens das Menschsein reich und tiefer macht. Ja sogar heilig macht.“

Da spricht er im Ernst von „Glauben“ und „heilig machen“ im gleichen Atemzug wie von „glaubhaft“ lügen und „alter Hut“. Mann, da haben Moses, Johannes, Jesus usw. aber echt viel Aufwand getrieben für etwas, das ein Synodaler Weg par Ordre de Mufti erledigt.

Dann redet Mock, und zwar von Schwaderlapp, der den Synodalen Weg verlassen hat, weil die Kirche die (gottgegebene) Sexualmoral nicht ändern kann.

Sie aber: „Das sehen wir anders. Wir sehen es geradezu als Auftrag. Uns geht es darum, glaubwürdig zu sein in der Frohen Botschaft.“

LOL. Wir sind echt „glaubwürdig in der Frohen Botschaft“, wenn wir sie verschweigen und verdrehen, bis jeder sich sie an den alten Hut stecken kann.
Oder in der Pfeife rauchen, wie die ---- Teilnehmer:innen am Synodalen Weg.

Montag, 7. Juni 2021

Fuldaer „Bischof“ Gerber lässt öffentlich die Hose runter

Auf häretisch.de lässt man einen deutsch-„katholischen“ (launenhörigen) „Bischof“ (man ist geneigt, eher „Tagedieb“ als „Tagelöhner“ zu übersetzen) zu Wort kommen:
Die Kirche steht nach den Worten des Fuldaer Bischofs Michael Gerber vor einer entscheidenden Weichenstellung.

Dieser konkrete „Bischof“ ist ja erst relativ kurz im Amt, daher kann(?) er nicht wissen, dass das Gottesvolk schon seither vor „entscheidenden Weichenstellungen“ stand, vgl. etwa

Dtn 30, 15.19: „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse … Ich rufe heute den Himmel und die Erde als Zeugen gegen euch auf: das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen!“
Mt 7, 13f.: „Geht ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.“
Joh 6, 67: „Wollt etwa auch ihr weggehen?“
Apg 20, 28-30: „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes. Ich weiß, daß nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer* aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her.“
* wörtlich: deutsch-„katholische“ „Bischöfe“

u.v.a.m

Der Artikel weiter:
"Nehmen wir den unbequemen Diskurs mit den Fragen der Menschen unserer Tage an und gehen wir damit das Risiko ein, dass sich die Gestalt unserer Kirche verändert?", fragte Gerber am Sonntag in einem Gottesdienst in Fulda zum Bonifatiusfest.

Nun redet er hier und später weiter vom Heiligen Bonifatius, der nun ja tatsächlich in einen ziemlich „unbequemen“ Diskurs mit seinen Zeitgenossen getreten ist, wie man an seinem gewaltsamen Tod leicht erkennt. „Unbequem“ im Munde eines deutsch-„katholischen“ „Bischofs“ liest sich eher wie: Es lässt sich die Möglichkeit denken, dass jemand einen nicht ausschließlich lobhudelnden Tweet veröffentlichen könnte.
Angesichts der Angabe, er wolle den Diskurs mit Fragen (statt mit Menschen) führen, mag (spekuliere ich) die befürchtete Unbequemlichkeit schon aus der der Anforderung, seine Gedanken in geordnete Sätze (oder kurz: geordnete Gedanken) zu fassen, folgenden Frustration herrühren.
Es lässt sich nur vermuten, er könne gemeint haben, dass er einen Austausch mit Menschen, die unbequeme Fragen stellen könnten, als Herausforderung ansieht, die „wir“ annehmen oder ablehnen könnten.
Die zweite Option scheint eine Neuerung der synodalen Sackgasse zu sein, denn in der Kirche gilt:

2 Tim 4, 2-5: „Predige das Wort, stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, strafe, ermahne mit aller Langmut und Lehre. Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer* aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und sich zu den Fabeln hinwenden. Du aber sei nüchtern in allem, ertrage Leid, tu das Werk eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst!“
* wörtlich: deutsch-„katholische“ „Bischöfe“
1 Petr 3, 15b: „Seid aber jederzeit bereit zur Antwort an jeden, der Rechenschaft von euch über die Hoffnung in euch fordert“
1 Petr 5, 2: „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, Gott gemäß, auch nicht aus schändlicher Gewinnsucht*, sondern bereitwillig.“
* In einem Artikel, den ich gerade nicht mehr zur Hand habe, war kürzlich zu lesen, „die Basis“ (d.h. die Mehrheit der befragten Kirchensteuerzahler) hielte Strukturreform für das Wichtigste an der Kirche - eine Ausnahme bilde nur eine Minderheit, die sich außerdem dadurch kennzeichne, dass sie gelegentlich zur Messe geht.

u.s.w. u.s.f.

Schließlich sieht er ein „Risiko, dass sich die Gestalt unserer Kirche verändert“. Ich vestehe nach den oben gesehenen Artikulationsschwierigkeiten, dass Herr G. wenig Vertrauen in seine Fähigkeiten setzt, in diesem Diskurs zu bestehen und etwa seinen Gesprächspartnern die Frohe Botschaft („Kehrt um! Gott ist bereit, euch zu verzeihen.“) nahezubringen.
Jemand sollte dem „Bischof“ erklären, dass es von jeher nicht auf den Intellekt der Boten, sondern auf die Botschaft Gottes ankommt, wenn es gilt, Glauben zu wecken:

Ex 3, 11-12a: „Mose aber antwortete Gott: Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehen und die Söhne Israel aus Ägypten herausführen sollte? Da sprach er: Ich werde ja mit dir sein.“
Jer 1, 6-8: „Aber ich sprach: Ach, Herr, HERR! Siehe, ich verstehe nicht zu reden, denn ich bin jung. Da sprach der HERR zu mir: Sage nicht: Ich bin jung. Denn zu allen, zu denen ich dich sende, sollst du gehen, und alles, was ich dir gebiete, sollst du reden. Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn ich bin mit dir, um dich zu erretten, spricht der HERR.“
Mk 13, 10f.: „Allen Nationen muß zuvor das Evangelium gepredigt werden. Und wenn sie euch hinführen, um euch zu überliefern, so sorgt euch vorher nicht, was ihr reden sollt, sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet! Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Heilige Geist.“
Mt 28, 20: „Lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“
Joh 14, 26: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
2 Kor 4, 7: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Größe der Kraft von Gott sei und nicht aus uns.“

Woher Herr G. das „Risiko“ kommen sieht, dass irgendwas in seinem „unbequemen Diskurs“ die Wahrheit Gottes verungültigen könnte und sich etwa die Notwendigkeit ergäbe, „dass sich die Gestalt unserer Kirche verändert“, bleibt unklar, zeigt aber einen überwältigen Glaubensmangel bei besagtem Tagedieb an.
Plus: es ist, wie der Name (Kirche von kyriake = dem Herrn gehörig) schon sagt, nicht „unsere“ Kirche, sondern die Seine.

Weiter:

Es sei Auftrag der Kirche, Menschen neu mit der Botschaft des Glaubens in Beziehung zu bringen, betonte Gerber.

Genau! Dann also stopp mit dem Geschwafel und mal flugs Erkundigungen eingezogen, was genau diese „Botschaft des Glaubens“ eigentlich gleich ist.

und: 

Sie stehe dabei vor einer doppelten Herausforderung: "[…], und einer säkularen Gesellschaft, mit der es weder Bonifatius noch Paulus oder andere große Gestalten der Kirchengeschichte bisher zu tun hatten."

Dieser Hochmut, die vermeintliche Größe der eigenen Aufgabe, bei der man so schändlich versagt, gegen die tatsächlichen Erfolge der heiligen Glaubensboten zu stellen, verschlägt einer hier nicht näher bezeichneten Person dermaßen die Sprache, dass ich erstmal eine rauchen muss …
Die gegenwärtige Gesellschaft sei also, meint er, irdischer gesinnt als je eine, insbesondere die der Hellenen, die Paulus evangelisierte und in der die Knabenliebe in hohem Kurs stand (also völlig anders als bei uns), oder die der Germanen, bei denen Baumfällen als todeswürdiges Verbrechen galt (was bei uns ja dank Art. 102 GG nicht der Fall ist, obwohl …). Und weil die Situation so völlig anders ist, muss man das Evangelium aufgeben und für die gesellschaftliche Anerkennung der Homosexualität und für Umweltschutz predigen. Klingt das für irgendjemanden logisch, wenn man es mal aufdröselt??

Dann:

Die Menschen von heute […] erwarteten ganz andere Antworten auf ihre Fragen, so Gerber: "Antworten, die noch keiner vor uns geben musste."
Ähhh. Die Menschen und ihre Fragen sind im Laufe der Geschichte nicht wirklich so verschieden, wie ein erst vor kurzem in diese Welt gestrauchelt zu sein Scheinender meinen will. (Vgl. a. Koh 1,9 ff.) Und Antworten, die ein Bischof geben kann, sollten sich eher an der Wahrheit orientieren als an Launen von Geplagten und Geworfenen, die keinen Hirten haben (vgl. Mt 9, 36) und die „ganz andere Antworten erwarten“. (Zur grafischen Illustration s. hier)

Schließlich:
[…] in diesem Sturm will der Herr seine Kirche formen - neuer und radikaler als wir es zu glauben wagen." Dabei gelte es auch, Dinge loszulassen.

„als wir zu glauben wagen“. Das ist der Punkt. Wage ich, Gott zu glauben. Und wenn der Vergleichsmaßstab ist, was Herr G. und seine Kumpanen „zu glauben wagen“, dann – so ist mein Eindruck – geht da ziemlich alles drüber.
Hinsichtlich der die Dinge, die loszulassen sind, vgl. Eph 5, 3-6

Donnerstag, 18. März 2021

Schwaderlapp der Böse – Echt jetzt?

Hintergrund

Das lang erwartete Missbrauchsgutachten zu Köln ist erschienen.

Woelki hat die 800+ Seiten nicht gelesen, hat aber auf der Pressekonferenz gleich den Besen rausgekramt und zwei Leute gefeuert, darunter Weihbischof Dominikus Schwaderlapp.

Nun ist gerade der einer der wenigen verbliebenen katholischen Bischöfe in Deutschland, predigt gut und ein sehr sympatischer Kerl. Verbirgt sich hinter dieser Maske ein Vertuscher?

Die Lektüre des Berichts liefert Aufschluß.

 

Zusammenfassung

Die Auffassungen der Gutachter bieten vielfältig Anlass zu Heiterkeit.

Schwaderlapp wird beispielsweise vorgeworfen, dass er Fälle, bei denen die Unschuld des Beschuldigten herauskam, nicht nach Rom gemeldet hat (denn dort hätte man vielleicht anders entschieden), oder sich an die DBK-Leitlinien gehalten hat (die nach Gutachterauffassung den Normis des Motu proprio Sacramentorum Sanctitatis Tutela widersprechen).

 

Der Bericht

Allgemein:

Schwaderlapp war von 2004 bis 2012 Generalvikar in Köln. Personalangelegenheiten waren seinerzeit Chefsache, d.h. wurden zwischen dem Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal und dem Erzbischof direkt verhandelt; der Generalvikar war nicht eingebunden. Es gab aber (betonen die Gutachter) kein schriftliches Dekret des Erzbischofs, welches dem Generalvikar verboten hätte, das Handeln des Erzbischofs zu überprüfen oder zu korrigieren.

Der Einwand, der Erzbischof sei der Chef, gelte nicht:

„Letztlich kann aber die Frage, ob hier [zwischen Erzbischof und Generalvikar] ein Über-/Unterordnungsverhältnis vorliegt, dahinstehen, denn dies ändert nichts an der Bewertung, dass beide „Ordinarius“ und deshalb als ein „Gremium“ zu betrachten sind.“ (S. 288)

Diese Einschätzung wird benutzt, um Urteile der (säkularen) Gerichtsbarkeit zur gemeinsamen Verantwortung von mehreren Geschäftsführern in Unternehmen heranzuziehen.

„Aus dem Vorstehenden ergibt sich, dass die Gutachter bei der Handhabung des Begriffs des Ordinarius eine gleichmäßige Zuständigkeitsverteilung zwischen Generalvikar und Erzbischof zugrunde legen mussten. Während die Zuständigkeit des Erzbischofs darin bestand, entsprechende Dekrete zu erlassen, traf den Generalvikar mindestens die Pflicht, den Erzbischof auf die Erfüllung seiner Rechtspflichten hinzuweisen und auf diese Weise auf ein Tätigwerden seinerseits hinzuwirken.“ (S. 289f.)

 

Konkreter:

„Aktenvorgang 7“

Es gab Gerüchte, eine Person habe „jungen Damen an den Hintern gefasst“. Es wurde veranlasst, dass ein Dekan mit der betreffende Person spreche. Das „Ausbalancieren von Nähe und Distanz“ sei zur Rede gekommen, aber tatsächliches Fehlverhalten sei nicht fassbar geworden. Später berichtete ein Pfarrer, die Küsterin habe gesehen, die Person solle einen Fuß vor die Sakristeitür gestellt haben, um einer Messdienerin den Durchtritt zu verweigern und sie „begreifen“ zu können. [Ob damit ein tatsächliches Anfassen oder nur die Deutung einer mutmaßlichen Absicht gemeint ist, bleibt unklar.]

In einem Gespräch (mit Beschuldigtem, Pfarrer und Heße) erinnerte sich der Pfarrer, ein Elternteil eines Kindes, das an einer Freizeitveranstaltung, bei der besagte Person anwesend war, teilgenommen hatte, habe gesagt, vor 1-2 Jahren sowas schon mal gehört zu haben. „Der Vorwurf sei aber geklärt und ausgeräumt worden.“

Bei all dem lag keine Meldung von (oder auch nur Namesangabe zu) möglichen Opfern vor.

Aus der „Vernehmung“ Bischof Schwaderlapps durch die Gutachter wird berichtet:

„Es sei nicht so gewesen, dass, wenn sich ein Betroffener nicht selbst gemeldet habe, man der Sache nicht nachgegangen sei. Man habe vielmehr versucht, die Leute dazu zu bewegen, sich zu melden. Dies sei schließlich auch der Sinn der externen Ansprechpersonen gewesen. Er könne sich die Untätigkeit nur so erklären, dass die Hinweise, die vorlagen, zu schwach gewesen seien, um weiterzumachen.“ (S. 388)

Trotzdem: „Die Gutachter sind im vorliegenden Fall zu dem Ergebnis gelangt, dass es Generalvikar Dr. Schwaderlapp pflichtwidrig unterlassen hat, den Meldungen aus 2006 und 2007 nachzugehen und die Vorfälle aufzuklären sowie die Glaubenskongregation in Rom zu informieren. … Eine Pflicht zur Aufklärung der Sachverhalte bestand für Generalvikar Dr. Schwaderlapp insoweit, als er verpflichtet war, eine kirchenrechtliche Voruntersuchung einzuleiten. Voraussetzung für die Durchführung einer Voruntersuchung gem. can. 1717 CIC/1983 ist eine wenigstens wahrscheinliche Kenntnis des Ordinarius davon, dass eine Straftat begangen worden ist.“ (S. 391)

Ich bin kein Anwalt, aber Google lehrt, dass der § 184 i StGB, nach dem „an den Hintern fassen“ eine Straftat ist, erst Ende 2016 eingeführt wurde. (Was den Gutachtern auch klar sein dürfte, denn sie führen aus: „Im Dezember 2018 wurde der Vorgang nachträglich der Staatsanwaltschaft gemeldet. Diese meldete zurück, dass zwar ein Anfangsverdacht bestehe, ‚dass es durch den Beschuldigten im Jahre 2006 oder zuvor zu Handlungen gekommen sein könnte, die nach dem geltenden damaligen Recht als Beleidigung (nach heutigem Recht ggfs. als sexuelle Belästigung) strafbar gewesen sein dürften.’ Gleichwohl wurde wegen eines fehlenden Strafantrags von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen.“ (S. 387)

Es lag also höchstens ein mutmaßliches Verdachtsgerücht wegen „Beleidigung“ vor, welches Delikt nur auf Antrag des Opfers verfolgt wird, welcher aber nicht gestellt war.

Demnach werfen die Gutachter Herrn Schwaderlapp vor, nicht schon 10 Jahre vor einer Gesetzesänderung trotz Unzuständigkeit für Personalangelegenheiten und ohne Meldung eines Opfers (allein aus seiner Funktion als „Ordinarius“, der für alles, was im Erzbistum vorkommt, verantwortlich ist) ein Gerüchteuntersuchungsverfahren eingeleitet zu haben.

Hmhm, wahrlich heftiger Vorwurf. Aber die Gutachter haben noch ein As im Ärmel: zu dem vom Pfarrer weitergetragenen Gerücht der Küsterin führen sie aus: „Spätestens zu diesem Zeitpunkt erschien eine Straftat nach Art. 4 SST 2001 zumindest möglich.“ (S. 392)

Ich bin nun auch kein Kirchenrechtler, und die Normae zum Motu Proprio Sacramentorum Sanctitatis Tutela sind nicht veröffentlich. Aber ein mutmaßliches „an den Hintern fassen“ [Wollen], für das sich auch auf Nachfrage kein Opfer findet, scheint mir nicht unbedingt ein „besonders schweres Verbrechen“ (delictum graviore) zu sein.

Die Gutachter beharren: „Eine Meldepflicht bestand gemäß Art. 13 SST 2001 dann, wenn der Ordinarius oder Hierarch eine mindestens wahrscheinliche Nachricht über eine der Glaubenskongregation vorbehaltene Straftat erhielt. Das ‚Anfassen kleiner Messdienerinnen’, also von Mädchen unter 18 Jahren, unterfällt und unterfiel auch zum Tatzeitpunkt den delicta graviora der Normae SST.“

Wenn jeder Bischof jedes Gerücht zu derart schwerwiegenden Straftaten nach Rom melden wollte, hätten die dort ja Lastwagen von Akten --- aber ich will nicht vorgreifen (s.u.)

 

„Aktenvorgang 10“

Auf die Einzelheiten des Falls (Es gab 5 Tatvorwürfe, die meisten aus der Vorzeit. 2008 hatte der Beschuldigte dann nochmal Jugendliche unter der Dusche fotografiert; 2010 kamen ein Vorwurf aus den 1970er Jahren dazu.) einzugehen erübrigt sich, denn nach Aktenlage und aus der „Vernehmung“ von Herrn Schwaderlapp ist klar:

„Auf den Vorhalt, dass im Protokoll [der Sitzung des Geistlichen Rats vom 10.09.2010] niedergelegt sei, dass der Fall nach Rom gemeldet werde, dies aber ausweislich der Akte nicht erfolgt sei, erklärte Herr Dr. Schwaderlapp, dass dies für ihn rätselhaft sei. Federführend sei bis zum Ende des Verfahrens der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal gewesen. Hinsichtlich der Meldung an die Glaubenskongregation gehe er jedoch davon aus, dass dies in Zusammenarbeit mit dem Offizial geschehen sei. … Gemäß den Verfahrensrichtlinien sei es so gewesen, dass das Verfahren vom Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal bearbeitet worden sei und deshalb sei der Fall gar nicht mehr zu ihm, Herrn Dr. Schwaderlapp, gekommen.“ (S. 415)

Die Gutachter schließen: „Als Adressaten der Meldepflicht waren Erzbischof Dr. Meisner und Generalvikar Dr. Schwaderlapp für die Umsetzung der Entscheidung verantwortlich, denen insoweit die Verletzung der Meldepflicht vorzuwerfen ist.“ (S. 420)

Es ist nicht unüblich, dass der Chef den Kopf für die Fehler seiner Mitarbeiter hinhalten muss, und da der Kardinal verstorben ist, muss (wie ganz am Anfang gesagt) halt der Generalvikar in Mithaftung genommen werden. Das mag formal korrekt sein, aber wenn 1) es eine Aufgabenverteilung gibt, und der Generalvikar für die Chefsache Personalangelegenheiten unzuständig ist, 2) laut Verfahrensrichtlinie der Generalvikar an der Meldung nicht beteiligt ist und 3) es um einen fast 40 Jahre zurückliegenden Vorwurf geht… scheint mir die Meldungsunterlassung Herrn Schwaderlapp anlasten zu wollen nicht super-gerecht zu sein, denn „schließlich wurden [schon 2008] Maßnahmen gegen den Beschuldigten ergriffen (Entpflichtung und Versetzung in Ruhestand)“ (S. 419), was heißt, es gab da gar nichts mehr zu schützen oder zu vermeiden oder zu bestrafen.

 

„Aktenvorgang 13“

Ein Priester hatte sich in den 1960-90er Jahren massiv mit minderjährigen Jungen eingelassen, war im Gefängnis, in psychiatrischer Behandlung und 2002 (also Jahre vor Schwaderlapps Amtsantritt) in den Ruhestand versetzt worden und danach im Bistum Essen wohnhaft.

2008 gab es neue Vorwürfe zu Taten aus den 1960er Jahren. Der Betroffene bat um Auskunft, ob die Vorwürfe schon bekannt seien. Schwaderlapp leitete die Anfrage zur Bearbeitung an die zuständige Hauptabteilung Seelsorge-Personal weiter. Der Betroffene bekam Auskunft.

Die Gutachter werfen Herrn Schwaderlapp vor, er hätte die verjährten, bis zu 44 Jahre alten Vorwürfe gegen den bereits bestraften und in den Ruhestand versetzten Beschuldigten untersuchen und an die Glaubenkongregation melden müssen, weil diese ab 2010 (also zwei Jahre später) die Möglichkeit erhalten werde, die Verjährung zu „derogieren“ und den Fall trotzdem zu untersuchen.

Wie im ersten Fall hatte Herr Schwaderlapp also seine Glaskugel nicht geputzt, zukünftige Gesetzesänderungen nicht berücksichtigt und (weil es dem Betroffenen offensichtlich in erster Linie darum gegangen war) stattdessen für eine Antwort auf dessen Frage gesorgt.

Außerdem hat er laut Gutachten „verkannt, dass grundsätzlich jede bisher unbekannte und noch nicht abgeurteilte Tat ein ‚neuer Fall’ ist, der die Pflicht zur Einleitung einer Voruntersuchung und zur Meldung an die Glaubenskongregation wieder neu auslöst und das Sanktionsbedürfnis erhöht.“

Da der Schuldige schon ruhig gestellt und der Betroffene an weiterer Aufklärung der Sache nicht interessiert war, reduziert sich das gutachterliche „Sanktionsbedürfnis“ irgendwie auf Rachegelüste. Das hatte Schwaderlapp nicht befriedigt – eine schwere Verfehlung also, irgendwie. Oder genauer gesagt zwei: „jeweils ein Verstoß gegen die Aufklärungspflicht und die Meldepflicht“ (S. 460)

 

„Aktenvorgang 20“

Hier laufen die Gutachter m.E. zur Spitzenlächerlichkeit auf. Der Fall: zwei Töchter eines pensionierten ständigen Diakons (der keinerlei Dienste mehr ausübt) treten 2008 auf und beschuldigen ihren Vater, sie in den 1970er Jahren durch „Zungenküsse“ missbraucht zu haben, wie ihnen 1995 im Rahmen einer Psychotherapie eingefallen ist.

Zwei weitere Geschwister bezeugen dagegen, dass der Vater gar keine Gelegenheit zu Missbrauch gehabt hätten, da 1) dies bei den beengten Wohnverhältnissen nicht ohne Kenntnis der Geschwister hätte geschehen können, 2) stets die Mutter oder andere Verwandte die Kinder betreut und der Vater nie mit ihnen allein gewesen sei. Auch der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe, weist aber darauf hin, dass diese nach einer die Familienbande zerrüttenden Erbschaftsauseinandersetzung schon mal vorgebracht wurden.

Nach vielen weiteren Gesprächen in unterschiedlicher Zusammensetzung und Recherchen zu „false memory“ beschließen Schwaderlapp und Heße, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen, da „sich die Vorwürfe als nicht plausibel herausgestellt“ hätten und es sich wohl „um ein rein innerfamiliäres Problem gehandelt habe“ (S. 555).

Man hätte, sagt Schwaderlapp noch, nach heutiger Sicht ein Glaubwürdigkeitsgutachten einholen sollen. „Eine Meldung an die Glaubenskongregation sei jedenfalls nicht erfolgt, weil Voraussetzung dafür nach seinem [Schwaderlapps] Verständnis ‚ein wenigstens wahrscheinlicher Fall’ gewesen sei. Sie [Schwaderlapp und Heße] hätten den Fall jedoch nicht für wahrscheinlich gehalten.“ (S. 555)

So einfach, so klar.

Aber: Die Gutachter schließen, Schwaderlapp habe „pflichtwidrig unterlassen, die Glaubenskongregation in Rom über den Sachverhalt aus den 1970er-Jahren, der im Jahr 2008 zur Anzeige gebracht wurde, in Kenntnis zu setzen.“ Denn: „Auch wenn es vorliegend sich widersprechende Zeugenaussagen gab, so war die Durchführung eines Strafverfahrens nicht von vornherein ausgeschlossen.“ (S. 556)

Man hätte gedacht, dass unplausible, durch Zeugenaussage widerlegte, auf in einer Psychotherapie erzeugte false memory gegründete Beschuldigungen nicht wahrscheinlich seien. Aber die Gutachter: „Vor dem Hintergrund, dass eine Tatbegehung nur möglich sein muss, um eine ‚wenigstens wahrscheinliche Nachricht’ zu begründen, war diese rechtliche Einordnung unrichtig.“

[Ich halte es für möglich, dass den Gutachtern jemand ins Gehirn geschissen hat. Wohin kann ich das melden?]

Zwar legen die Leitlinien der DBK von 2002 fest, „dass nur bei einem erhärteten Verdacht eine kirchenrechtliche Voruntersuchung einzuleiten sei“ und „dass nur bei einem bestätigten Verdacht der Apostolische Stuhl befasst werden solle.“ Aber die Gutachter halten dies für eine falsche Interpretation der Meldepflicht „gemäß Art. 13 SST 2001“, und bei den Leitlinien „handelt es sich nicht um höherrangiges Recht; sie waren nicht geeignet, die objektiv bestehende Meldepflicht zu beseitigen.“ (S. 557).

Ich gebe zwar gerne zu, dass wer sich auf die DBK verlässt auf Sand gebaut hat, halte es aber auch nicht für unwahrscheinlich, dass die Gutachter ihrerseits bei der Deutung der viel zitierten, aber nicht veröffentlichten Normarum SST heftig danebengegriffen haben.

Der Vorwurf, der Schwaderlapp gemacht wird, wäre also: einen nicht-existierenden „Missbrauch“ nach den Leitlinien der DBK behandelt zu haben. Der schlimme Schlingel!

„Aktenvorgang 21“

In einem weiteren Fall, bei dem Beschuldigter und weitere Zeugen dem Betroffenen widersprachen, wurde nun aber ein Glaubwürdigkeitsgutachten eingeholt, dass nicht sicher unterscheiden konnte, ob der Betroffene dreist lügt oder sich die Sache nur ausgedacht hatte. Trotzdem wurde jahrelang untersucht; dennoch konnte der vorgeworfene Sachverhalt nicht verifiziert werden. Auch weltliche Behörden kamen zu diesem Schluß. Daher schließlich: „Am 25.11.2011 war der Fall des Beschuldigten Thema in der Personalkonferenz, an der unter anderem Erzbischof Dr. Meisner und Generalvikar Dr. Schwaderlapp teilnahmen. In Bezug auf den Beschuldigten wurde dabei Folgendes festgehalten: ‚Aktuelle Vorwürfe gegen den Pfarrer konnten entkräftet werden’“ (S. 565)

2017 wurde der Fall erneut untersucht. „Die stellvertretende Interventionsbeauftragte kam nach Prüfung zu dem Schluss, dass der Missbrauchsvorwurf seinerzeit sehr gewissenhaft untersucht worden sei. Diese Wahrnehmung wurde von einem externen Rechtsanwalt bestätigt. Gleichwohl wurden die Akten zur Absicherung an einen weiteren Rechtsanwalt übersandt. Dieser kam im Mai 2017 zu dem Ergebnis, dass aufgrund der langen Verfahrensdauer, der unergiebigen Zeugenaussagen, die zumindest einen Missbrauch nicht bestätigten (außer der Aussage des Betroffenen selbst), und der widersprüchlichen Angaben des Betroffenen ein neuerliches Verfahren nicht in Betracht gezogen werden sollte.“ (S. 565 f.)

Alles klar eigentlich, oder? Für die Gutachter auch: „Erzbischof Dr. Meisner und Generalvikar Dr. Schwaderlapp haben pflichtwidrig gehandelt, als sie es unterließen, den Sachverhalt an die Glaubenskongregation in Rom zu melden.“

Wie jetzt? Folgendermaßen: „Jedenfalls aber befreite auch das negative Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen aufgrund der Unabhängigkeit des kirchlichen vom weltlichen (Ermittlungs-) Verfahren nicht von der Einleitung einer Voruntersuchung und der nachfolgenden Meldung an die Glaubenskongregation nach Art. 13 SST 2001.“ (S. 567)

Merke: wer einen mehr oder weniger erwiesenermaßen Unschuldigen nicht nach Rom meldet, ist schuldig. Denn: „Zwar ergaben die Aussagen der Zeugen kein eindeutiges Bild und eine erneute Prüfung im Jahr 2017 ergab, dass die Vorwürfe wenig belastbar waren. Gleichwohl ist nicht ausgeschlossen, dass die Glaubenskongregation zu einer anderen Bewertung gelangt wäre und die Durchführung eines Strafverfahrens angeordnet hätte.“ (S. 568)

Und insbesondere ist Schwaderlapp schuldig, weil Meisner (als Zuständiger zwar keine Meldung vorzunehmen entschied, aber) ihm auch nicht ausdrücklich schriftlich verboten hat, selbst eine Meldung vorzunehmen: „Ausweislich des Protokolls der Personalkonferenz vom 25.11.2011 informierte der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal Dr. Heße darüber, dass die Vorwürfe gegen den Beschuldigten entkräftet werden konnten. Erzbischof Dr. Meisner und Generalvikar Dr. Schwaderlapp hatten mithin Kenntnis vom Abschluss der Ermittlungen. Eine ausdrückliche Entscheidung des Erzbischofs gegen eine Meldung an die Glaubenskongregation ist nicht dokumentiert, sodass der Generalvikar jedenfalls die Möglichkeit gehabt hätte, auf ein pflichtgemäßes Verhalten hinzuwirken.“ (S. 568)

Alter, als ich seinerzeit meinen Chef auf die Möglichkeit eines pflichtgemäßen Verhaltens hingewiesen habe, bin ich kurz darauf hochkant geflogen, obwohl auch er seine Entscheidung, anders zu handeln, nicht dokumentiert hatte. Knallharte Realisten, diese Gutachter, zumal sie wieder darauf hinweisen, dass in vollständiger Übereinstimmung mit den DBK-Leitlinien gehandelt wurden.

Die Lacher nochmal zusammengefasst: „Angesichts dieser anwaltlichen Auskünfte durfte aus Sicht der Verantwortungsträger die Einleitung einer kanonischen Voruntersuchung gänzlich überflüssig und eine Meldung nach Rom entbehrlich erscheinen, auch wenn dies – jedenfalls im Hinblick auf die Meldepflicht – nicht der Fall war.“

Die anwaltlichen Auskünfte, der gesunde Menschenverstand, die DBK-Leitlinien und die „Sicht der Verantwortungsträger“ einerseits, die (ziemlich wackelige) Deutung von SST durch die Gutachter andererseits – erlaubt nur ein Fazit: „In Aktenvorgang 21 gelangten die Gutachter zu dem Ergebnis, dass sowohl Erzbischof Dr. Meisner als auch Generalvikar Dr. Schwaderlapp ein Verstoß gegen die Meldepflicht vorzuwerfen ist.“ (S. 570)

 

„Aktenvorgang 22“

„Im Juni 2010 erstattete die Betroffene A Anzeige wegen Missbrauchs durch ihren Onkel, Kleriker, in den 1990er-Jahren.“ (S. 570)

„Innerhalb der Familie sei jedenfalls nach Ende der Vorfälle darüber gesprochen worden, allerdings wollte man die Großmutter nicht mit einem solchen Thema belasten und den Ruf der Familie nicht schädigen. Aus diesem Grunde sei eine Anzeige bislang unterblieben.“ (S. 571)

„Mit Schreiben vom 13.09.2010 wandten sich die Betroffenen schriftlich an die Polizei und nahmen darin die Anzeige gegen den Beschuldigten zurück und machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.“ (S. 572)

„Im Oktober 2010 wurde das Generalvikariat durch ein anonymes Schreiben über das Ermittlungsverfahren in Kenntnis gesetzt.“ (S. 572)

„Am 15.04.2011 fand aus Anlass der Einstellung des staatsanwaltschaftlichen Verfahrens ein erneutes Gespräch … statt. Gegenstand des Gesprächs war … u. a. eine Mitteilung von Herrn Dr. Heße, dass dem Erzbistum die Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft vorliege und dass nun unabhängig vom staatlichen Verfahren geprüft werden müsse, ob auf dieser Grundlage die Eröffnung einer kirchlichen Voruntersuchung angezeigt sei.“ (S. 574)

„Offizial Dr. Assenmacher äußerte … Bedenken, ob im konkreten Fall überhaupt eine ‚Anzeige’ im Sinne des Rundschreibens der Glaubenskongregation vorliege, da ja die Anzeige zurückgezogen worden sei. Es stelle sich die Frage, ob man sich ‚mit Blick auf das bonum commune über den Willen der Aussagenden hinwegsetzen’ dürfe/müsse.
Am 01.06.2011 teilte Rechtsanwältin L. der Justitiarin mit, dass sich ihre Mandantin, die Betroffene A, nicht in der Lage sehe, an einem Strafverfahren mitzuwirken.“ (S. 575)

Also: keine Anzeige, keine Aussage, keine Information, kein Verfahren. Soweit klar.

Bischof Schwaderlapp wurde befragt und sagte: „Da man keine Aussage hatte, sei auch keine Substanz da gewesen, um den Fall an die Glaubenskongregation zu schicken. … Bei der Anhörung des Beschuldigten sei er nicht zugegen gewesen. Ihm sei lediglich … mitgeteilt worden, dass es ein schwieriges Gespräch gewesen sei, da der Beschuldigte das Verhalten abgestritten … habe.“ (S. 576)

Glasklar schließen also die Gutachter: „Für Erzbischof Dr. Meisner und Generalvikar Dr. Schwaderlapp hätte nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Pflicht bestanden, eine Voruntersuchung gemäß can. 1717 CIC/1983 einzuleiten.“ (S. 588)

„Allerdings bestanden Unsicherheiten, wie sich die Berufung auf das Zeugnisverweigerungsrecht durch die Betroffenen* im staatlichen Verfahren bzw. die Aussage einer der Betroffenen*, aktuell nicht für eine weitere Vernehmung zur Verfügung zu stehen, auf die Pflicht zur Einleitung einer Voruntersuchung auswirkte.“ (S. 589)

„Die Entscheidung, keine Voruntersuchung einzuleiten, war jedoch unrichtig. Eine Voruntersuchung muss zwar dann nicht durchgeführt werden, wenn sie „gänzlich überflüssig“ erscheint, etwa, weil keinerlei Zeugen zur Erhärtung des Tatverdachts zur Verfügung stehen. Diese Situation war jedoch vorliegend nicht gegeben:
Zwar erklärte eine der drei Betroffenen* ausdrücklich ihre fehlende Bereitschaft zur Beteiligung an einem kirchlichen Verfahren, von den anderen beiden Betroffenen* ist eine solche ausdrückliche Weigerung jedoch nicht dokumentiert.
Darüber hinaus wusste eine Vielzahl von Verwandten sowie Freundinnen der Betroffenen* von dem Sachverhalt; diese hätten als ‚Zeugen vom Hörensagen’ im Rahmen einer Voruntersuchung vernommen werden können.“ (S. 589)

Klartext: Die Betroffene, welche ihre Anzeige bei der weltlichen Justiz zurückgezogen hatte und keine Aussage im kirchlichen Verfahren machen wollte, hatte ja noch zwei Schwestern, die man fragen könnte, ob sie nicht auch Missbrauchserinnerungen haben.
Oder was ist mit Gerüchten? Hat denn die Betroffene, die nicht wollte, dass der Fall untersucht wird, niemandem davon erzählt – das wären doch (für die Gutachter) auch prima „Zeugen“.
Da will ich mal kurz wiedergeben, was laut Wikipedia im deutschen Strafprozess gilt: „Wenn Zeugen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, ist es dem Gericht untersagt, die unzulässige Vernehmung durch den Rückgriff auf Niederschriften zu ersetzen oder Zeugen vom Hörensagen über entsprechende Aussagen zu befragen.“
Gälte das auch für kirchliche Verfahren, dürfte weder die vor der weltlichen Behörde gemachte (und zurückgezogene) Aussage berücksichtigt noch die von den Gutachtern gewünschten Gerüchteverbreiter gehört werden. Aber was schert dergleichen Kleinkram (wie: es gibt exakt Null Material und die Betroffene wünscht keine Untersuchung) den Gutachter, wenn er einen Schuldigen präsentieren will?

Weiter: „Darüber hinaus ist es pflichtwidrig unterblieben, die Glaubenskongregation in Rom über den Sachverhalt zu unterrichten.“ Auch das wird Schwaderlapp angelastet, obwohl die Gutachter feststellen, dass der Offizial dies so empfohlen hat und der Erzbischof ihm gefolgt ist.

Der Offizial sagte dazu übrigens aus: „Die Justitiarin habe gefragt: „Müssen wir das nicht nach Rom schicken?“ … Er habe gefragt: „Was wollen wir denn nach Rom schicken, was haben wir denn?“ … Er wisse selbst von Rom, dass die Bischöfe, aus Angst einen Fehler zu machen, Lastwagen voller Akten nach Rom schickten, und in Rom würde die Kongregation überhaupt nicht mehr hinterherkommen. Er sei daher der Auffassung gewesen, dass man eine Sache nur nach Rom schicken müsse, wenn sie auch ein Fundament habe.“ (S. 585)

Die Gutachter legen die Gegenfrage „Was wollen wir denn schicken?“ übrigens als juristischen Expertenrat aus, weshalb diesmal für die anderen, die sich auf diesen Rat verließen, ein halbes Auge zugedrückt wird.

 

Ergebnis:

„Hinsichtlich Generalvikar Dr. Schwaderlapp (Amtszeit: 01.06.2004 – 16.03.2012) konnten die Gutachter insgesamt acht Pflichtverletzungen feststellen, die sich auf fünf verschiedene Aktenvorgänge bezogen. Hierbei handelte es sich um zwei Verstöße gegen die Aufklärungspflicht und sechs Verstöße gegen die Meldepflicht.“ (S. 716)

Allerdings sagen die Gutachter selbst:
„Zugute zu halten ist Generalvikar Dr. Schwaderlapp, dass die Rechtslage, insbesondere hinsichtlich der Meldepflicht an die Glaubenskongregation in Rom, teilweise unklar war und eine Stelle, die verlässlich Rechtsauskunft in den einschlägigen kirchenrechtlichen Fragen erteilt oder sonst auf die sich aus den kanonischen Vorschriften ergebenden Pflichten hingewiesen hätte, nicht existierte.“ (S. 716)
also wie oben mehrfach gesehen: er hat sich an die DBK-Leitlinien gehalten, und das soll jetzt falsch gewesen sein.
und: „Darüber hinaus war er zwar als Generalvikar wie auch der Diözesanbischof Ordinarius, hatte jedoch innerhalb des Verhältnisses zum Erzbischof eine klar untergeordnete Position inne und hätte Dekrete nur im Einvernehmen mit dem Erzbischof hätte erlassen können.“ (S. 717)
also wie eingangs schon gesehen: Schwaderlapp war nicht für Personalfragen zuständig, und die Dinge, die schiefgelaufen sind, kamen gemäß Organisationsplan sowieso nicht auf seinen Schreibtisch - aber irgendwer muss ja schuld sein.

 

Mein Fazit:

- Wenn Schwaderlapp was falsch gemacht hat, ist das so mikroskopisch, dass kein Hahn danach krähen sollte.

- Warum er sich reumütig gibt und seinen Rücktritt anbietet, kann ich sachlich nicht nachvollziehen.

- Falls er wegen Synodalem Weg und Zeug keinen Bock mehr auf den Laden hat, sowieso hinschmeißen wollte und zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, indem er als Bischofsopfer fungiert, versteh ich das zwar menschlich irgendwie, halte es aber trotzdem für falsch.

Dienstag, 9. Februar 2021

Papst spricht zum synodalen Weg

In seinem Kommentar zum Buch Hiob schweift Gregor der Große kurz ab, um den synodalen Holzweglern ins Gewissen zu reden:
[Zusammenhang:] Dem Schwachen helfen zu wollen ist Nächstenliebe, dem Starken Hochmut.

Nebenbei bemerkt sollte man wissen, dass wir meistens auch Gott, der natürlich nicht schwach ist, helfen können, wenn wir demütig handeln. Daher sagt Paulus: Wir sind nämlich Gottes Helfer (1 Kor 3, 9). Denn wenn wir dem, der selbst uns durch die innere Gnade erfüllt, mit ermahnender Predigt beispringen, helfen wir bei dem, was er selbst innerlich durch den Geist wirkt, durch den äußerlichen Dienst an euch; und dann allein wird unsere Ermahnung zum Ziel geführt, wenn es im Herzen Gott ist, dem wir helfen wollen. Daher sagt er auch anderswo: Weder wer pflanzt ist irgendwas, noch wer gießt, sondern der das Wachstum gibt: Gott (1 Kor 3, 7). Pflanzen und Gießen ist naklar Helfen. Doch beide Dienste werden vergeblich sein, wenn nicht Gott im Herzen Wachstum schenkt.
Wenn aber welche von ihrer Ansicht so hoch denken, dass sie demütige Helfer Gottes nicht sein wollen, dann werden sie sich, während sie meinen, Gott nützlich zu sein, von der Frucht der Nützlichkeit* entfremden.
(PL 76: 23f.)
* dem durch die pastorale Tätigkeit erhofften geistlichen Wachstum

Montag, 21. Dezember 2020

Sokrates’ Corona-Rat zur Weihnachtszeit


„Also, Bester, sieh zu, ob nicht das Edle und Gute etwas ganz anderes ist als das Erhalten und Erhalten-Werden. Muss nicht ein Mann, der es wahrhaftig ist, eben dies, nur zu leben, solange es eben geht, aufgeben, und keineswegs am Leben hängen, sondern dies muss er Gott überlassen und den Weibern glauben, dass doch ‚keiner seinem Schicksal entgeht’, und nur darauf sehen, auf welche Weise er während der Zeit, die er nun zu leben hat, am besten leben möge, ob so, dass er sich selbst dem Staat ähnlich mache, in dem er wohnt, wenn du bei ihm beliebt sein und großen Einfluss in der Stadt haben willst? Sieh zu, ob es dir und mir wirklich nützt.“

(Platon, Gorgias, 512d-513a)

Oder kurz und knackig:

„Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? Nach alldem streben die Heiden. Ihr aber sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit.“

(Mt 6, 27.32a.33a)

Mittwoch, 4. November 2020

Vergiss nicht, dein Brot zu essen

Aus einer Predigt des Hl. Bernhard von Clairvaux:

Hört [den Herrn] selbst: Wer mich liebt, sagt er, bewahrt meine Worte, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen. Aber was bedeutet das: wer mich liebt, wird meine Worte bewahren? Wo sind sie zu bewahren? Ohne Zweifel im Herzen, wie der Prophet sagt: In meinem Herzen verberge ich deine Aussprüche, damit ich nicht gegen dich sündige. Aber auf welche Weise bewahrt er im Herzen? Reicht es aus, bloß im Gedächtnis zu bewahren? Über diese Art des Bewahrens sagt der Apostel: Wissen bläht auf. Darüber hinaus löscht das Gedächtnis leicht das Vergessen. Daher bewahre das Wort Gottes, wie du es besser bewahren kannst: wie die Nahrung deines Körpers. Denn jenes ist auch lebendiges Brot und Nahrung des Geistes. Irdisches Brot kann, solange es im Kasten ist, vom Dieb weggenommen, von der Maus zernagt oder durch Alter verdorben werden. Wenn du es aber gegessen hast: was von dem würdest du fürchten? Auf diese Weise bewahre das Wort Gottes: Selig, die es bewahren. Also verleibe es gewissermaßen dem Inneren deiner Seele ein, dass es in deine Gesinnungen und Gewohnheiten übergehe. Esse das Gute, und deine Seele wird in Fülle erfreut werden. Vergiss nicht, dein Brot zu essen, damit nicht dein Herz austrockne, sondern mit Fett und Öl deine Seele aufgefüllt werde. Wenn du das Wort Gottes so bewahrst, wirst du ohne Zweifel von ihm bewahrt werden. Kommen wird nämlich zu ihm der Sohn von Vater, kommen wird der große Prophet, der Jerusalem erneuern wird, und er wird alles neu machen. So nämlich kommt er, dass wir, wie wir das Abbild des Irdischen tragen, auch das Abbild des Himmlischen tragen werden. Wie der alte Adam durch den ganzen Menschen verstreut wurde und ihn ganz besetzt: auf die gleiche Weise soll auch Christus den ganzen [Menschen] in Besitz bekommen, der den ganzen erschaffen, den ganzen erlöst hat und den ganzen verherrlichen wird, und der den ganzen Menschen heil gemacht hat. Es war in uns einst der alte Mensch, jener ungetreue Verwalter war in uns sowohl in der Hand als im Mund und im Herzen. In der Hand doppelt: durch Verbrechen und Laster. Im Mund gleichfalls durch Anmaßung und Herabwürdigung. Im Herzen auch durch Verlangen des Fleisches und Verlangen nach weltlichen Ehren. Jetzt aber als neue Schöpfung in ihm, vergehe das Alte, und gegen das Verbrechen in der Hand stehe Unschuld, gegen Laster: Enthaltsamkeit. Im Herzen gegen Anmaßung: das Wort des Bekennens, gegen Herabwürdigung: ein Wort der Erbauung, dass das Alte aus unserem Mund weiche. In unseren Herzen wahrlich gegen das Verlangen des Fleisches: Nächstenliebe, und Demut gegen zeitlichen Ruhm.

Freitag, 23. Oktober 2020

schlimme Zeiten für die Morallehre

Tempores mutantur, nos et in illis mutamur; forsan olim fuisse meminisse adiuvat.
(Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen; möglich, dass was einst gewesen zu erinnern hilft.)


Wer meint, die Kirche mache gegenwärtig schlimme Zeiten durch, möge betrachten, welche Irrtümer einer lockeren Morallehre das Heilige Offizium im September 1665 ausdrücklich zu verurteilen für nötig hielt:

[...]

17. Est licitum religioso vel clerico, calumniatorem gravia crimina de se vel de sua religione spargere minantem occidere, quando alius modus defendendi non suppetit: uti suppetere non videtur, si calumniator sit paratus vel ipsi religioso, vel eius religioni publice et coram gravissimis viris praedicta impingere, nisi occidatur.

18. Licet interficere falsum accusatorem, falsos testes ac etiam iudicem, a quo iniqua certo imminet sententia, si alia via non potest innocens damnum evitare.

19. Non peccat maritus occidens propria auctoritate uxorem in adulterio deprehensam.

 17. Frei steht es einem Ordensmann oder Kleriker, einen Verleumder, der schwere Anschuldigungen über ihn oder seinen Orden zu verbreiten droht, zu töten, wenn eine andere Weise der Verteidigung nicht zur Verfügung steht: wie etwa der Fall ist*, wenn der Verleumder bereit ist, den Ordensmann oder seinen Orden öffentlich und vor gewichtigen Leuten Vorstehendes anzutun, wenn er nicht getötet wird.
* wörtlich: nicht zur Verfügung zu stehen scheint

18. Es ist erlaubt, einen falschen Ankläger, falsche Zeugen oder auch den Richter, von dem sicher ein ungerechtes Urteil zu erwarten ist, umzubringen, wenn man nicht auf anderem Wege unschuldig die Niederlage vermeiden kann.

19. Ein Ehemann sündigt nicht, wenn er aus eigener Vollmacht die beim Ehebruch erwischte Ehefrau tötet.

Samstag, 29. August 2020

Das Bad der Tränen

Unter den Werken, die Leo dem Großen zugeschrieben werden, findet sich eine „Ansprache des Erzdiakons an den Bischof für die Versöhnung der Büßer“ (PL 55:157f.), die am Gründonnerstag geschieht. [Wer sich kurz an den liturgischen Zusammenhang, in dem diese Ansprache gehalten wurde, erinnern will, wird weiter unten fündig.]

Die Ansprache

Jetzt ist, ehrwürdiger Bischof, die rechte Gnadenzeit, der Tag der göttlichen Huld und des menschlichen Heils [vgl. 2. Kor 6,2], an welchem der Tod [seinen] Untergang, das ewige Leben aber [seinen] Anfang nimmt: wann im Weingarten des Herrn der Heerscharen sowohl die Pflanzung der Neuen* geschehen als auch der Fluch der Altheit gesühnt werden soll. Obgleich nämlich keine Zeit ohne göttliche Güte und die Vaterliebe Gottes bleibt, ist dennoch jetzt der Nachlass der Sünden durch die Nachsicht freigiebiger, reicher die Aufnahme der Neugeborenen durch die Gnade. Vergrößert werden wir durch die Wiederherzustellenden [die Taufbewerber]; wir wachsen durch die Umkehrer [die Büßer]. Es waschen die Wasser [in der Taufe], es waschen die Tränen [der Büßer]. Daher die Freude über die Aufnahme der Berufenen, deshalb der Jubel über die Lossprechung der Büßer. Daher kommt es, dass dein demütiger Bittsteller [der Büßer, der den Bischof bittet], nachdem er durch Vernachlässigung der himmlischen Gebote und durch Übertretung der löblichen Sitten in verschiedene Arten von Vergehen fiel, erniedrigt und niedergeworfen** mit prophetischem Ruf zu Gott schreit, sagend: „Ich habe gesündigt, ruchlos gehandelt, Missetat begangen, erbarm dich meiner, Herr“. Den evangelischen Ruf mit nicht täuschendem*** Ohr erfassend: „Selig die trauern, denn sie werden getröstet werden“ hat er, wie geschrieben steht, das Brot der Mühsal gegessen [Ps 127, 2], benetzt [sein] Bett mit Tränen [vgl. Ps 6, 6]; sein Herz hat er mit Trauer, seinen Leib zerknirscht mit Fasten, damit seine Seele wiedererlange, was sie verloren hatte: Gesundheit. Einzigartig ist die Hilfe der Buße deshalb, weil sie den Einzelnen nützt und Allen zum Gemeinwohl beiträgt. Dieser also, während er zur Tat der Reue durch so große Beispiele [in der Heiligen Schrift] angeregt wurde, wirft sich unter dem Blick der seufzenden Kirche, ehrwürdiger Bischof, nieder und spricht: „Meine Missetaten erkenne ich, und meine Vergehen stehen immer gegen mich. Wende dein Angesicht von meinen Sünden, Herr, und tilge alle meine Missetaten. Gib mir wieder die Freude deines Heils, und mit einem bereitwilligen Geist stärke mich“ [Ps 51, 5.11.14]. Während er so fleht und die Barmherzigkeit Gottes mit zerknirschtem Herzen verlangt, stelle in ihm, apostolischer Bischof, wieder her, was vom zerstörenden Teufel verdorben ist, und mit den beschirmenden Verdiensten deiner Gebete mache diesen Menschen durch die Gnade göttlicher Versöhnung [wieder] zum Nächsten für Gott, damit er, der vorher in seinen Verkehrtheiten mißfiel, von jetzt an freudig danke, dass er Gott wohlgefalle im Lande der Lebenden, während der Urheber seines Todes besiegt ist.

* ergänze: Weinstöcke; angespielt wird auf die bevorstehende Taufe der Katecheten in der Osternacht

** Die Büßer liegen während der Ansprache auf dem Boden.

*** Der Büßer hat die Seligpreisung mit aufrichtigem Ohr gehört, d.h. beherzigt.

 

Der liturgische Zusammenhang:

Beschreibung des Bußritus

[aus Hermann Josef Schmitz „Die Bußbücher und die Bußdisziplin der Kirche“ (Mainz, 1883)]

Aschermittwoch

Die Büßer, welche die Bestimmung ihrer Buße erhalten haben, sollen [aus der Kirche] ausgewiesen werden und vor der Kirchtüre stehen bleiben. Dann wird im Chor die Sext gebetet und die Weihe der Asche vollzogen. Der Bischof zieht hierauf in feierlichem Zuge mit seinen Assistenten und dem gesamten Klerus in die Mitte der Kirche und lässt sich dort auf einem für ihn bereiteten Sitz nieder; der Klerus stellt sich zu seiner Rechten und seiner Linken in einer Reihe bis zur Kirchtüre auf. Jetzt tritt der Erzpriester vor und liest die Namen der Büßer seines Archipresbyterates vor. … Die aufgerufenen Büßer treten mit brennenden Kerzen vor, und werfen sich zwischen den Reihen der Kleriker vor dem Bischof nieder; der Erzpriester besprengt sie mit Weihwasser und legt jedem Einzelnen die Asche auf das Haupt. Dann betet der Bischof mit dem Chor zur Erde niedergestreckt abwechselnd die 7 Bußpsalmen …Nunmehr erheben sich die Büßer und der Bischof hält ihnen eine Anrede, in welcher er ihnen ankündigt, dass sie nach dem Beispiele Adams, der seiner Sünden wegen aus dem Paradiese verbannt wurde, nunmehr zeitweilig aus der Kirche verwiesen würden. Dann nimmt der Bischof den ihm zunächst stehenden Büßer bei der rechten Hand; dieser reicht seinem Nächsten und so jeder Büßer seinem Nachbar die Hand; der Bischof führt die ganze Kette aus der Kirche hinaus, während der Chor eine Antiphon von dem Fluche Gottes über Adam singt. Auf der Türschwelle der Kirche stehend ermahnt der Bischof die ausgewiesenen Büßer, nicht zu verzweifeln, sondern durch Fasten, Gebete, Wallfahrten, Almosen und andere gute Werke würdige Früchte der Buße zu bringen. Er kündet ihnen an, dass sie am Gründonnerstag wieder kommen sollen, damit sie alsdann in die Kirche zurückgeführt würden, welche sie vorher zu betreten nicht wagen sollten. Während der Bischof alsdann mit dem Chor zurückkehrt zum Altar, werden die Tore der Kirche verschlossen.

Das Pontificale erwähnt die in einigen Kirchen übliche Praxis, am Morgen des Gründonnerstags auf Geheiß des Bischofs eine Messe für die Büßer zu lesen und zwar an einem Altare, der nahe an den Kirchtüren sich befinde. Hiernach sollen die dazu bestimmten Priester den Büßern die Beichte abnehmen, [dabei] genau erforschen, wie sie im Laufe der Quadragesima gelebt und die Buße geleistet haben, sowie die Namen derselben, die Jahre der Buße und die Vergehen mit den betreffenden Umständen aufzeichnen, damit der Bischof leichter über die Anklage der Einzelnen entscheiden könne. Nach der abgelegten Beichte soll der Bischof mit den Priestern vor der Sext darüber Beratung abhalten, welche würdig seien, rekonziliert zu werden. …

Der Bischof mit den 4 Diakonen und der Erzdiakon, alle im großen Ornat gekleidet, werfen sich auf die Stufen des Altares nieder und beten die 7 Bußpsalmen und die [Allerheiligen‑]Litanei; die Büßer knien unterdessen mit nackten Füßen vor den Türen der Kirche und halten ausgelöschte Kerzen in den Händen. Die Litanei wird bei der Bitte »alle heiligen Patriarchen und Propheten – bittet für uns« unterbrochen, indem der Bischof zwei Subdiakone mit brennenden Kerzen zu den Büßern sendet. Auf der Türschwelle angelangt, zeigen diese die Lichter und singen »Sowahr ich lebe, spricht der Herr, will ich den Tod des Sünders nicht usw.« Bei der Bitte [der Allerheiligen-Litanei] »alle heiligen Martyrer usw.« wiederholen zwei andere Subdiakone dieselbe Zeremonie mit den Worten: »So spricht Gott: tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe.« Bei dem »Agnus Dei« wird der Erzdiakon zu den Büßern mit großer angezündeter Kerze gesandt; er singt die Antiphon: »Erhebt eure Häupter usw. « und alsdann werden die Kerzen der Büßer angezündet. Nach dieser schönen Zeremonie begibt sich der Bischof mit dem gesamten Klerus in die Mitte der Kirche, und der Klerus stellt sich wieder wie am Aschermittwoch in zwei Reihen bis zu den Toren der Kirche auf. Der Erzdiakon ermahnt die Büßer: »Steht in Stille « und hält dann die auch vom Ordo Romanus mitgeteilte Ansprache an den Bischof [s.o.], in welcher er auf die begonnene Zeit der Gnade hinweist und die Wiedervereinigung der Büßer mit der Gemeinschaft erfleht. Der Bischof richtet an die Büßer eine kurze Ermahnung, wie sie demnächst ihr Leben führen sollen, da sie nunmehr auf Grund der Barmherzigkeit Gottes in die Kirche zurückgeleitet würden. Nach einer dreimaligen Aufforderung des Bischofs »Kommt! Kommt! Kommt!«, machen die Büßer jedes Mal eine Kniebeugung und werfen sich zuletzt unter das Tor der Kirche vortretend zu Füßen des Bischof nieder. Auf eine abermalige Bitte des Erzpriesters um Wiederaufnahme der Büßer fragt ihn der Bischof »Weißt du, dass sie der Versöhnung würdig sind?«; er antwortet mit den Worten: »Ich weiß und bezeuge, dass sie würdig sind«. Dann erheben sich die Büßer, reichen sich die Hand und werden in einer Reihe von dem Bischof, der die Hand des ersten ergreift, also in gleicher Weise wie am Aschermittwoch ihre Ausweisung geschah, wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche zurückgeführt. Hierauf folgt eine Zahl von Gebeten, unterbrochen durch eine Präfation und zum Schluß die Absolution, mit welcher die Rekonziliation vollendet ist.

Donnerstag, 11. Juni 2020

Paschasius: Über Leib und Blut

Der Heilige Ratbert, besser unter seinem Ordensnamen Paschasius bekannt, hat als Erster die später unter den Namen Transsubstantition bekannt gewordenen Geheimnisse gedanklich zu durchdringen versucht, und seine Ergebnisse im Buch „Über Leib und Blut des Herrn“ niedergelegt.

Der Gedankengang des ersten Kapitels ist etwa folgender:

  1. Der Wille Gottes hat nicht nur Alles aus Nichts geschaffen, sondern erhält auch alles.
  2. Daher geschieht jedes Wachsen, Entstehen oder Vergehen nicht aus der Natur der Dinge selbst, sondern aus dem Willen Gottes.
  3. Entsprechend ist auch jede Veränderung eines Dinges in ein anderes – sei es auch gegen die gewöhnliche Ordnung der Natur – möglich, wenn Gott es so will.
  4. Insbesondere wollte Gott, dass in der Konsekration die Gaben von Brot und Wein wahrhaft zu Fleisch und Blut Christi werden.
  5. Dies erkennt man, wie man auch im in der Gestalt eines Sklaven gekreuzigten Christus Gott erkennt: nämlich durch den Glauben.
  6. Die Fülle der Wunder des Alten und Neuen Testaments belegen Punkt 3.
  7. Zusammenfassung: alles was geschieht ist im Willen Gottes begründet, und was im Willen Gottes ist, ist auch wirklich.
  8. Es gibt kein größeres Wunder als das Altarssakrament; und alle anderen Wunder geschahen nur, damit dieses eine geglaubt werde.
    Deshalb wird bei der Konsekration kein (äußerlich sichtbares) Wunder gewirkt: damit der Glaube sein Verdienst habe.
    Vergleich mit dem paradisischen Baum des Lebens: durch eine sichtbare Sache wirkt innerlich eine unsichtbare Kraft.

 

Der Anfang des ersten Kapitels übersetzt:

Jedweder Katholik, der zu Recht von Herzen glaubt und mit dem Munde bekennt zum Heil, dass Gott Sämtliches geschaffen hatte aus dem Nichts, kann niemals daran zweifeln, dass wiederum aus irgendetwas irgendetwas anderes gemacht werden kann, sozusagen ein ‚gegen die Natur Anderes’, wie durch ein Naturgesetz, das es vorher noch nicht gab. Denn die Natur allen Geschaffenen ist nicht aus sich, und nicht aus sich selbst erschafft sie wiederum alles, das durch das natürliche Entstehen der Dinge entsteht: sondern im Willen Gottes ist die Natur aller Dinge gegründet. Deshalb, wenn jemand recht überlegt, wird er nicht die Natur die Ursache der Dinge nennen: sondern bekennen, dass das Entstehen aller Naturen aus einer gleichartigen Natur der Wille Gottes ist. Sodann ist der Wille Gottes so wirksam und allmächtig, dass allein aus seinem Wollen, etwas geschehe, es geschieht, und durch dieses Es-Gewollt-haben es geworden ist. Daher wird zweifelsfrei richtig geglaubt, dass aller Dinge und Naturen Ursache allein der Wille Gottes ist.

Deshalb, wann immer man in der Welt sieht, dass sich etwas gleichsam gegen die Natur ereignet, ist es dennoch nicht gegen die Natur, weil gerade die Natur der geschaffenen Dinge dadurch ausgezeichnet ist, dass sie immer dessen Befehlen gehorcht, von dem sie [geschaffen] ist: dass wie das Wollen Gottes tatsächlich ihr Sein ist, so ist sie [die Natur] auch wiederum, was immer die Kraft Gottes entscheidet – entweder nimmt sie durch Wachstum zu, oder durch Entstehen, möglicherweise wird sie wegen unserer Sünden verringert, oder durch Änderung in etwas ganz anderes als sie war – während die Ordnung der Natur außer Acht gelassen wird – verwandelt. Das bekennen wir äußerst zu recht.

Hier wurde sehr schön von einem unserer Dichter gesagt:

Subditur omnis Imperiis natura tuis rituque solute,
Transit in adversas, issu dominante figurat.

Unterworfen ist die ganze Natur deiner Macht, und losgelöst vom Brauch
Geht sie ins Gegenteil über, vom herrscherlichen Befehl geformt.

Weil ja nun außerhalb der Macht Gottes nichts ist, deshalb vermag er alles.

Denn nicht so hat Gott als Schöpfer von allem die Naturen der Dinge geschaffen, dass er sein Wollen von ihnen abzöge: denn aller Geschöpfe Bestand besteht in demselben Willen Gottes und [seiner] Kraft: von diesem [Willen] hat es nicht nur die Ursache, dass es bestehe als was immer es ist, sondern auch dass es so werde, wie der Wille Gottes selbst es bestimmt, welcher [Wille] die Ursache aller Geschaffenen ist. Überhaupt besteht irgendein Dasein der Geschöpfe nicht, außer in seinem [Gottes] Willen, aus dem sein [des Geschaffenen] ganzes Sein entspringt. Und daher: sooft sich die Natur des Geschöpfs ändert, entweder zunimmt, oder schwindet, wird es nicht von jenem Sein geschieden, in welchem es ist: denn so ist es, und so wird es, wie jener entscheidet, von dem es ist. Es ist also klar, dass nichts außerhalb oder gegen Gottes Wollen sein kann, sondern es geben ihm alle [Dinge] in allem nach. Und deshalb niemand möge verwundert sein über diesen Leib Christi und [sein] Blut, das im Mysterium wahres Fleisch wird und wahres Blut wird: solange es der so wollte, der sie geschaffen hat.

Alles nämlich, was der Herr wollte, machte er, im Himmel und auf der Erde. Und weil er wollte, nämlich dass unter der Gestalt von Brot und Wein dieses geschehe, muss man gänzlich glauben, dass sie nach der Konsekration nichts anderes sind als Fleisch Christi und Blut. Daher sagte die Wahrheit selbst [= Jesus] zu den Jüngern: ‚Dieses ist mein Fleisch, für der Welt Leben’. Und um noch wunderbarer zu reden: es ist gewiss kein anderes [Fleisch], als das von Maria geboren wurde, und gelitten hat am Kreuz, und auferstanden ist aus dem Grab. Dieses, sage ich, ist es selbst, und deshalb ist es Christi Fleisch, welches für der Welt Leben bis heute geopfert wird, und wenn es würdig empfangen wird, gewiss das ewige Leben in uns wiederherstellt. Denn wenn jemandem was wir sagen weniger glaubhaft scheint: betrachte er die gesamten Wundertaten des Alten und Neuen Testamentes, die gegen die Ordnung der Natur zur Bekräftigung des Glaubens von Gott vollbracht wurden: und er wird bei Licht klarer sehen, dass für Gott nichts unmöglich ist, weil das Sein aller [Dinge] Gottes Wille ist, und was immer Gott will, das werden die einzelnen [Dinge].

Aber nun, wenn irgendjemand dieses nicht glaubt: wenn er Christus im Kreuz gesehen hätte, in der Gestalt eines Sklaven, wie würde er ihn als Gott erkannt haben, wenn er nicht durch den Glauben vorher überzeugt gewesen wäre? So auch bei diesem Leib, wo die Gestalt anderes zeigt: wie soll er das Fleisch Christi sehen, wenn er nicht durch den Glauben wahrhaft überzeugt ist? Denkt er etwa, es läge in der Natur des Roten Meeres, sich zu teilen, damit das Volk auf trockenem Pfad mittendurch ziehe, oder dass jenes ganze Wasser Ägyptens aus sich, d.h. durch Moses, die Kraft habe, sich in Blut zu verwandeln usw. Oder lag es etwa im Willen Gottes, die Unfrommen zum Glauben zu streicheln und anhand der Gestalt seiner [des Wassers] Farbe zu zeigen, dass alle Befeuchtung ihrer Lehren und Sitten verwandelt wurde in Blut? Dann im Evangelium: ob das aus dem Brunnen geschöpfte Wasser die Macht hatte, sich in den Geschmack des Weins umzuwandeln? Und damit ich nur wenige der Unzählbaren in Erinnerung rufe: Hatte jenes Feuer der Babylonier, worein drei Jünglinge geschickt wurden, durch die Natur, nicht heiß zu sein? Oder war es im Willen Gottes, dass gleichsam ein Hauch von wehendem Tau eintrete, dass er Abkühlung mehr als Brand den Heiligen verschaffe? Überlege also jeder: hatten es jene fünf oder sieben Brote in der Wüste wesenhaft aus sich, dass sie so viele Menschen sättigten, dann soviele Körbe füllten, oder war es in der Gnade des Schöpfers, was geschehen ist? Nämlich durch das Brechen [des Brotes] vervielfältigt zu werden.

Und gewiss auch die Jungfrau Maria: hatte sie [in sich], dass eine Jungfrau ohne Geschlechtsverkehr Gott gebiert, oder aus der Kraft Gottes? Und damit ich noch offener spreche: unser Fleisch oder das der Tiere, ist es denn nicht Staub? Naklar Staub, denn es ist gesagt: Staub bist du und zu Staub wirst du werden. Obgleich es also Staub ist, ist es wahres Fleisch, nämlich vergänglich: welches wenn es den Befehlen des Gesetzes und den Vorschriften der Gebote Gottes dient, irgendwann mit Unsterblichkeit bekleidet wird durch jene [Sachverhalte], die wir darlegen, und obwohl es Fleisch ist, wird es dennoch unvergänglich.
Was ich [erklären] will, höre sorgfältig aufmerkend, o Mensch, und durch alles, was natürlich zu sein scheint, oder von welchen man [in der Heiligen Schrift] liest, dass sie gegen die Natur geschehen sind vom Anfang der Schöpfung an, bitte ich dich schlicht: überlege, ob sie aus sich selbst, in ihrer jeweilige Natur geschehen sind oder umgewandelt wurden in anders, was sie nicht waren, oder ob durch die Ordnung seines Befehls, dass Wunder seien; und du wirst sicher umso lieber zugeben, dass sowohl diese, die gewissermaßen natürliche [Vorgänge] sind, als auch jene, die gewissermaßen gegen die Natur laufen, überhaupt alle im Willen Gottes sind, und in der jeweiligen Weisheit zum Nutzen der Vernunftbegabten erzeugt werden. Und deshalb bekennen wir zu Recht, dass die Ursache allen Existierenden im Willen Gottes ist. Und nicht unverdient, weil sein Gewollt-Haben das Geschaffen-Sein war. Daher geschieht wann immer eins aus einem anderen wird dies aus der Kraft des Willens: und in seiner Weisheit hat er es so, wie es geschehen soll, vorbereitet. Also hat weder Wille ohne Kraft noch Kraft ohne Weisheit irgendwas bewirkt. Weil also der Wille Gottes Kraft und Weisheit  ist, deshalb geschieht, was immer er will, so wie er will, und fehlt in nichts: weil er in seiner Weisheit alles will, ja sogar die Weisheit selbst sein Wille ist, will er daher nichts von Übel, nichts was er nicht kann.

Daher weil er es so gewollt hat, dass dieses Mysterium sein Fleisch sei und Blut, brauchst du in nichts zu zweifeln, wenn du Gott vertraust: sondern wahren Glaube habe im Gemüt, dass dieses genau jenes Fleisch ist, welches dargebracht wurde für das Leben der Welt. Wer dieses würdig ißt, wird den Tod nicht schauen in Ewigkeit. Kein Größeres hat Christus nämlich seiner Kirche im Mysterium hinterlassen, als dieses und der Taufe Sakrament, und dazu auch die Heiligen Schriften: in welchen allen der Heilige Geist, der das Unterpfand der gesamten Kirche ist, innerlich die Geheimnisse unseres Heils zur Unsterblichkeit wirkt. Aber in diesem ist schließlich den Ungläubigen nichts Wunderbares: den Glaubenden ist aber doch nichts Besseres, nichts Wunderbareres und nichts Glaubwürdigeres in dieser Welt gegeben. Nicht dass sie sich wunderbar dem Blick der Augen zeigten, sondern in Glaube und Verstand duften die göttlichen Mysterien, und in denselben wird Ewigkeit den Sterblichen und Gemeinschaft mit Christus in der Einheit des Körpers gewährt. Aus diesem Grund also, weit entfernt von allen Wundern, die in der Welt geschahen, steht dieses Mysterium: denn deshalb sind alle diese geschehen, damit dieses eine geglaubt werde, weil Christus die Wahrheit ist, die Wahrheit aber ist Gott. Und wenn Gott die Wahrheit ist, ist, was immer Christus versprochen hat in diesem Mysterium, unbedingt wahr: und deshalb ist es Christi Fleisch und Blut - wer diese würdig ißt, hat das ewige Leben bleibend in sich.
Aber für körperlichen Blick und Geschmack werden sie darum nicht verwandelt: damit Glaube geübt werde zur Gerechtigkeit und wegen des Verdienst des Glaubens die Belohnungen der Gerechtigkeit erlangt werden. Die anderen Wunder Christi sind nämlich [gewirkt worden], [damit] dieses eine das Sakrament des Leidens bestätige. Und deshalb werden jene [Gaben] nicht als Wunder äußerlich in der Gestalt geändert, sondern innerlich: damit der Glaube erprobt wird [und] wir im Geist wahrhaftigst bekennen, damit weil der Gerechte aus Glaube lebt, er Gerechtigkeit des Glaubens im Mysterium habe, und durch den Glauben das Leben, das in ihm bleibt, empfange, durch welches er sicherer – bis jetzt sterblich, durch Unsterblichkeit gespeist – schnellstmöglich zur Unsterblichkeit eile, wohin man nicht mit Füßen, sondern durch Glauben mit guten Werken gelangt.
Fest steht also auf jede Weise, dass wie im Paradies der Baum des Lebens gewesen ist, aus dem beständig erhalten würden Bestand und Unsterblichkeit des Menschen, wenn er den Geboten Gottes gedient hätte: so ist in der Kirche dieses Mysteriums des Heils vorgesehen, nicht weil dieses aus demselben Baum wäre nach der Natur, sondern [damit] durch eine sichtbare Sache die unsichtbare Kraft innerlich wirke. So weil ja auch in jenem sichtbarem Sakrament der Gemeinschaft (Kommunion) die göttliche Kraft zur Unsterblichkeit durch seine unsichtbare Macht, gewissermaßen aus der Frucht des Paradiesbaums, uns sowohl durch den Geschmack der Weisheit und durch Kraft ernährt: damit wir durch dieses (unsterblich in der Seele, solange wir von diesem würdig empfangen) schließlich in ein Besseres versetzt, zur Unsterblichkeit getragen werden.
Zu diesem [Zweck] also ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt: dass durch Gott-Wort, Fleisch geworden, das Fleisch vorankomme zu Gott-Wort. Welches Fleisch des Wortes zweifellos Essen wird in diesem Mysterium, und Speise der Gläubigen: während wahrhaft geglaubt wird, dass es das Fleisch für das Leben der Welt ist, und nicht irgendetwas anderes als das Fleisch des Leibes Christi, aus welchem Christus in uns bleibt: damit auch wir durch es umgewandelt werden in jenen, der nichts anderes geworden ist, als Gott-Fleisch, durch seine Gunst, damit er unter uns wohne. Wenn er also unter uns wohnt und wir Glieder seines Körpers bleiben in ihm: gerecht ist, weil wir in ihm sind, dass wir aus ihm leben, und deshalb essen wir vom Fleisch des Wortes, und trinken vom Blut. Dieses ist, sage ich, die Bestätigung unseres Glaubens, dieses die Einheit und Anteilnahme am Leben. Wo, wenn die Ordnung der Natur gesucht wird, der Verstand unterliegen wird, und dennoch bleibt außerhalb des menschlichen Verstandes die Wahrheit der Tatsache, so wie im Verstand des Glaubens die Kraft der Gottheit und die wirksame Macht auf alle Weisen geglaubt wird: weil [selbst] die Unsicherheit des Geistes (mag es auch sein, dass dem gutes Leben geschieht, der [sie] erfährt) ausschließt, dass an das Verständnis dieses Sakraments gerührt wird.

Sonntag, 7. Juni 2020

Der kleine Unterschied

Zum Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit verwendet die Kirche auch heute noch fast die bewährten Gebete. Ein bißchen holprig macht die Andacht allerdings der eingebrachte kleine Unterschied.

Man hätte dort für Oratio/Collecta:

Traditionell

Omnipotens sempiterne Deus, qui dedisti famulis tuis, in confessione verae fidei, aeternae Trinitatis gloriam agnoscere, et in potentia maiestatis adorare Unitatem: quaesumus; ut, eiusdem fidei firmitate, ab omnibus semper muniamur adversis.

Übersetzung

Allmächtiger ewiger Gott, der du deinen Knechten gegeben hast, im Bekenntnis des wahren Glaubens die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit zu erkennen und in der Macht der Größerheit* die Einheit anzubeten: wir bitten, dass wir durch die Festigkeit desselben Glaubens von allen Widrigkeiten immer geschützt werden.
* Majestät

Reformiert

Deus Pater, qui, Verbum veritátis et Spíritum sanctificatiónis mittens in mundum, admirábile mystérium tuum homínibus declárasti, da nobis, in confessióne veræ fídei, ætérnæ glóriam Trinitátis agnóscere, et Unitátem adoráre in poténtia maiestátis.

Übersetzung

Gott Vater, der du, das Wort der Wahrheit und den Geist der Heiligkeit in die Welt sendend, dein bewundernswertes Geheimnis den Menschen erklärt hast, gib uns, im Bekenntnis des wahren Glaubens die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit zu erkennen und die Einheit anzubeten in der Macht der Größerheit.

Da ist doch irgendwie der Glaube von der Einleitung in die Bitte gerutscht. Vorausgesetzt werden kann beim Reformbeter anscheinend nichts mehr.

Der Gräuel*

Herr, himmlischer Vater, du hast dein Wort und deinen Geist in die Welt gesandt, um das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Gib, dass wir im wahren Glauben die Größe der göttlichen Dreifaltigkeit bekennen und die Einheit der drei Personen in ihrem machtvollen Wirken verehren.

* im Volksmund: Deutsches Messbuch

Vergleich

  • Gott ⇒ Herr, himmlischer
    Warum auch immer.
  • Wort der Wahrheit ⇒ dein Wort
    Man vermeidet sorgfältig, diesen einst häufig gebrauchten Ausdruck wörtlich zu übersetzen und ggf. in der Katechese zu erläutern, um die Schäfchen nicht der Gefahr auszusetzen, eventuell unterkommende vorkonziliare Texte zu verstehen.
  • Geist der Heiligkeit ⇒ deinen Geist
  • dein bewundernswertes Geheimnis ⇒ das Geheimnis des göttlichen Lebens
    Wenn man sich wundert, welches Geheimnis gerade gemeint sein könnte, bleibt keine Kapazität mehr, das auch noch zu bewundern.
  • du hast den Menschen erklärt ⇒ um zu offenbaren
  • im Bekenntnis des wahren Glaubens ⇒ im wahren Glauben bekennen
    Das Bekenntnis ist im Original gesetzt; gebetet wird um „erkennen“ und „anbeten“. Der Gräuel muss um Bekennermut beten.
  • die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit zu erkennen ⇒ die Größe der göttlichen Dreifaltigkeit
    Das Bekenntnis des wahren Glaubens (in seiner ganzen Fülle) möge, bittet das Original, zur Erkenntnis führen. Der Gräuel bittet lediglich darum, dass wenigstens der elementarste Glaubenssatz durch göttlichen Beistand bekannt werden möge.
  • die Einheit ⇒ die Einheit der drei Personen
    Wie bitter nötig die DMliche Bitte ist, zeigt das Bewusstsein, dass man selbst bei den Messbesuchern am Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit nicht als bekannt voraussetzen darf, von welcher „Einheit“ denn da die ganze Zeit geredet wird.
  • in der Macht der Größerheit ⇒ in ihrem machtvollen Wirken
    „Majestät“ kann vieles heißen (Würde, Erhabenheit, Ansehen, Größe; Hoheit), aber kaum „Wirken“.
  • anzubeten ⇒ zu verehren
    Das muss reichen. Es ist ja nicht so, als ob der mündige Christ gleich auf die Knie fallen würde, bloß weil er seinem Gott gegenübersteht.

Weiter bei der Secreta/Super Oblata:

Traditionell

Sanctifica, quaesumus, Domine Deus noster, per tui sancti nominis invocationem, huius oblationis hostiam: et per eam nosmetipsos tibi perfice munus aeternum.

Übersetzung

Heilige, bitten wir, Herr unser Gott, durch deines heiligen Namens Anrufung, dieser Opferung Opfer: und mache durch es uns selbst dir zur ewigen Gabe.

Reformiert

Sanctífica, quǽsumus, Dómine Deus noster, per tui nóminis invocatiónem, hæc múnera nostræ servitútis, et per ea nosmetípsos tibi pérfice munus ætérnum.

Übersetzung

Heilige, bitten wir, Herr unser Gott, durch deines heiligen Namens Anrufung, diese Gaben unseres Dienstes: und mache durch sie uns selbst dir zur ewigen Gabe.

Ich will mich gar nicht daran aufhalten, dass die Gegenüberstellung des Identischen [munera/munus (Gaben/Gabe)] voll unelegant ist. Aber wo ist die Opferung geblieben, wo das Opfer?

Der Gräuel

Gott, unser Vater, wir rufen deinen Namen an über Brot und Wein. Heilige diese Gaben und nimm mit ihnen auch uns an, damit wir dir auf ewig gehören.

Vergleich

  • bitten wir, Herr unser Gott ⇒ Gott, unser Vater
  • deines heiligen Namens Anrufung ⇒ wir rufen deinen Namen an über Brot und Wein
    Irgendwie werden unterschiedliche Aspekte hervorgehoben, scheint mir.
  • diese Gaben unseres Dienstes ⇒ diese Gaben
    Hm. Aber der Gräuel hatte ja schon „Wir“ gesagt, und man möchte ja nicht doppeln, diesmal.
  • mache durch sie uns selbst ⇒ nimm mit ihnen auch uns an
    Im Original möchte der Beter durch das Messopfer verwandelt (das „machen“ ist „fertig machen“, „vervollkommnen“), der Gräuel angenommen werden. Ob der Unterschied zwischen Gottesdienst und Komm-wie-du-bist-Party hinreichend klar ist?
  • dir zur ewigen Gabe ⇒ damit wir dir auf ewig gehören
    Original: „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebe in mir“. Gräuel: Gefasel.

Unverändert blieben Präfation

Vere dignum et iustum est, aequum et salutare, nos tibi semper et ubique gratias agere: Domine, sancte Pater, omnipotens aeterne Deus:
Qui cum unigenito Filio tuo, et Spiritu Sancto, unus es Deus, unus es Dominus: non in unius singularitate personae, sed in unius Trinitate substantiae. Quod enim de tua gloria, revelante te, credimus, hoc de Filio tuo, hoc de Spiritu Sancto, sine differentia discretionis sentimus. Ut in confessione verae sempiternaeque Deitatis, et in personis proprietas, et in essentia unitas, et in maiestate adoretur aequalitas.
Quam laudant Angeli atque Archangeli, Cherubim quoque ac Seraphim: qui non cessant clamare cotidie, una voce dicentes: Sanctus …

Übersetzung

Wahrhaft würdig und recht ist, angemessen und heilsam, dass wir dir immer und überall Dank abstatten: Herr, heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott:
Der du mit deinem einziggezeugten Sohn und dem Heiligen Geist ein Gott bist, ein Herr bist: nicht in der Einzelheit einer einzigen Person, sondern in der Dreifaltigkeit einer einzigen Wesenheit. Was wir nämlich von deiner Herrlichkeit, von dir offenbart, glauben, dieses meinen wir auch von deinem Sohn, dieses vom Heiligen Geist, ohne Unterschied der Unterscheidung*. Damit wir im Bekenntnis der wahren und ewigen Gottheit in den Personen die Besonderheit, im Wesen die Einheit und in der Größerheit** die Gleichheit anbeten.
Welche [Größerheit] loben die Engel und Erzengel, Cherubim auch und Seraphim: die nicht aufhören täglich zu rufen, mit einer Stimme sagend: Heilig …
* oder: Verschiedenheit des Urteils
** Majestät

Deutsches Messbuch

In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken.
Mit deinem eingeborenen Sohn und dem Heiligen Geist bist du der eine Gott und der eine Herr, nicht in der Einzigkeit einer Person, sondern in den drei Personen des einen göttlichen Wesens. Was wir auf deine Offenbarung hin von deiner Herrlichkeit glauben, das bekennen wir ohne Unterschied von deinem Sohn, das bekennen wir vom Heiligen Geiste. So beten wir an im Lobpreis des wahren und ewigen Gottes die Sonderheit in den Personen, die Einheit im Wesen und die gleiche Fülle in der Herrlichkeit.
Dich loben die Engel und Erzengel, die Kerubim und Serafim. Wie aus einem Mund preisen sie dich Tag um Tag und singen auf ewig das Lob deiner Herrlichkeit: Heilig ...

und Postcommunio/Post communionem

Proficiat nobis ad salutem corporis et animae, Domine Deus noster, huius sacramenti susceptio: et sempiternae sanctae Trinitatis eiusdemque individuae Unitatis confessio.

Übersetzung

Nützen möge* uns zum Heil von Körper und Seele, Herr unser Gott, dieses Sakramentes Empfang sowie das Bekenntnis der ewigen heiligen Dreifaltigkeit und deren ungeteilten Einheit.
* Ich persönlich würde ja bei zwei Subjekten (Empfang und Bekenntnis) den Plural setzen, der Gebetsverfasser aber nicht.

Der Gräuel

Herr, unser Gott, wir haben den Leib und das Blut deines Sohnes empfangen. Erhalte uns durch dieses Sakrament im wahren Glauben und im Bekenntnis des einen Gottes in drei Personen.

Vergleich

  • nützen möge uns ⇒ erhalte uns
    Das Original hat den Unterton des Vorwärtskommens, der Gräuel den des Nichtzurückfallens.
  • zum Heil von Körper und Seele ⇒ im wahren Glauben und im Bekenntnis
    Im Original wird das Heil als Folge von Empfang und Bekenntnis erbeten, im Gräuel Glaube und Bekenntnis als Folge des Empfangs. Lagen hier durch die Wortstellung erzeugte Verständnisschwierigkeiten vor? (Der Gräuel übersetzt, als ob confessionem stünde statt confessio, und erfindet den „Glauben“ dazu.)
  • dieses Sakramentes Empfang ⇒ wir haben den Leib und das Blut deines Sohnes empfangen … durch dieses Sakrament
    Sicherlich hilfreiche Erläuterung für die Keksabholer, die nicht wissen, welches Sakrament sie empfangen haben könnten.
  • Bekenntnis der ewigen heiligen Dreifaltigkeit und deren ungeteilten Einheit ⇒ Bekenntnis des einen Gottes in drei Personen
    Das Original preist erneut das Festgeheimnis, der Gräuel muss stark zusammenfassen, weil doch schon so viele Worte um das Tun des „Wir“ verloren wurden.