Montag, 15. April 2019

Dringlichkeit 1: Der Feind liegt erschlagen

Was nach der angestellten Analyse der Dringlichkeit in keiner Osternacht fehlen darf ist im Kern der Durchzug durch das Rote Meer (Ex 14,24-15,1[a]):
24 Um die Zeit der Morgenwache blickte der HERR aus der Feuer- und Wolkensäule auf das Lager der Ägypter und brachte es in Verwirrung.
25 Er hemmte die Räder an ihren Wagen und ließ sie nur schwer vorankommen. Da sagte der Ägypter: Ich muss vor Israel fliehen; denn der HERR kämpft auf ihrer Seite gegen Ägypten.
26 Darauf sprach der HERR zu Mose: Streck deine Hand über das Meer, damit das Wasser zurückflutet und den Ägypter, seine Wagen und Reiter zudeckt!
27 Mose streckte seine Hand über das Meer und gegen Morgen flutete das Meer an seinen alten Platz zurück, während die Ägypter auf der Flucht ihm entgegenliefen. So trieb der HERR die Ägypter mitten ins Meer.
28 Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao, die den Israeliten ins Meer nachgezogen war. Nicht ein Einziger von ihnen blieb übrig.
29 Die Israeliten aber waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gezogen, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand.
30 So rettete der HERR an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter. Israel sah die Ägypter tot am Strand liegen.
31 Als Israel sah, dass der HERR mit mächtiger Hand an den Ägyptern gehandelt hatte, fürchtete das Volk den HERRN. Sie glaubten an den HERRN und an Mose, seinen Knecht.
1 Damals sang Mose mit den Israeliten dem HERRN dieses Lied
Worauf als Tractus folgt Ex 15,1[b]-2 [wobei der letzte Vers in meiner Bibel als Ex 15,3 gezählt wird]
1b Wir singen dem HERRN ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer.
2 Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist mir zur Rettung geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.
3 Der HERR ist ein Krieger, HERR ist sein Name.
Kernausagen der Lesung im Kontext der Osternacht wären wohl, dass a) der Feind durch den Herrn im Wasser getötet und b) das Volk aus der Knechtschaft des Feindes gerettet und c) die Macht des Herrn verherrlicht wurde.

Den Bezug zum Osterdatum gibt das Exsultet:
Haec nox est, in qua primum patres nostros, filios Israel, eductos de Aegypto, Mare Rubrum sicco vestigio transire fecisti.
Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Israel war in der Nacht des Pascha aus Ägypten ausgezogen und – nachdem sie eine Nacht in Etham gelagert hatten (Ex 13,20) – kurz von dem Morgengrauen des dritten Tages nach dem Pascha durch das Meer gezogen.

Deutung des Textes durch die in der Osternacht anschließende Oratio:
Deus, cuius antiqua miracula etiam nostris saeculis coruscare sentimus: dum quod uni populo, a persecutione Aegyptica liberando, dexterae tuae potentia contulisti, id in salutem gentium per aquam regenerationis operaris: praesta; ut in Abrahae filios, et in Israeliticam dignitatem, totius mundi transeat plenitudo
Das Gebet unter Beibehaltung der Schlüsselwörter („coruscare“ = „leuchten, blinken, flimmern, blitzen“ als Bezug zum Lichtthema der Vigil, „Wasser“ und „hindurchziehen“) in verständlichem Deutsch wiederzugeben sehe ich mich außer Stande. Daher einmal quasi interlinear und wortwörtlich:
Gott, dessen alte Wunder wir auch in unseren Zeiten blinken sehen, während du jenes, was du dem einen Volk, das von der ägyptischen Verfolgung befreit werden musste, mit der Macht deiner Rechten erkämpftest, zum Heil der Heiden durch das Wasser der Wiederentstehung [=Taufe] bewirkst: gewähre, dass zu Söhnen Abrahams und zu israelitischer Würde hindurchziehe die Fülle der ganzen Welt [=alle Menschen].
Sinngemäß paraphrasiert:
Wie durch den wunderbaren Zug auf trockenem Boden mitten durch das Rote Meer das Auswählte Volk die Macht Gottes sinnlich erfahren hat, merken [die Menschen] unserer Zeitalter sie auch noch, wenn durch die Taufe Heiden von ihrem Feind (d.h. der Neigung zur Sünde oder „Erbsünde“) geschieden oder befreit werden; gewähre Gott, dass alle Menschen „Söhne Abrahams“ (vgl. eine spätere Lesung) werden und die Würde des auserwählten Volkes erhalten.
Der Bezug zur Taufe wurde auch schon im Exsultet geknüpft, indem die Wirkung der Taufe besungen wird:
Haec nox est, quae hodie per universum mundum in Christum credentes a vitiis saeculi, et caligine peccatorum segregatos, reddit gratiae, sociat sanctitati.
Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche.
Die gleiche Lesung wird in der Pfingstnacht (nach dem Tridentinischen Missale) durch eine andere Oratio (die im gegenwärtigen Messbuch als Alternative für die Osternacht aufgeführt ist) folgendermaßen erklärt:
Deus, qui primis tempóribus impléta mirácula novi testaménti luce reserásti, ut et Mare Rubrum forma sacri fontis exsísteret, et plebs a servitúte liberáta christiáni pópuli sacraménta præférret, da, ut omnes gentes, Israélis privilégium mérito fídei consecútæ, Spíritus tui participatióne regeneréntur
Gott, der du die [Bedeutung der] in den Vorzeiten vollbrachten Wunder durch das Licht des Neuen Testamentes offenbart hast: dass sowohl das Rote Meer als Symbol der heiligen Quelle [=des Taufbrunnens] sich zeigt als auch das aus der Knechtschaft befreite Volk die Sakramente der Christenheit darstellt – gibt, dass alle Völker, die den Vorzugs Israels durch das Verdienst des Glaubens gewonnen haben, durch die Teilhabe an deinem Geist erneuert werden.
Der gleiche Grundgedanke (Taufe = Rotes Meer durchziehen; Befreiung aus Sklaverei = Sakramente) wird explizit gemacht; die Alten sagten, dass in den alttestamentlichen Berichten und Wundertaten Gottes die Botschaft des Neuen Testaments schon „praefiguriert“ – vorgebildet ist. Als für die Pfingstnacht vorgesehen gibt dieses Gebet der Deutung einen entsprechenden Touch: dass durch das Licht des Neuen Testaments [und den Heiligen Geist, natürlich] die Schriften des Alten Bundes zum Verständnis von Leiden, Tod und Auferstehung Christi gereichen (vgl. Emmaus-Evangelium). Schließlich kommt das Gebet ausdrücklich auf die Gabe des Geistes [Erwachsene werden bei der Taufe auch gleich gefirmt] zu sprechen; die Interpretation der Rettung des Volkes als Taufe wird auf alle Sakramente erweitert.

Die Führung durch den Heiligen Geist wird schon bei der Segnung des neuen Feuers angesprochen, bei der es im (früher vorgesehenen) zweiten Segensgebet heißt: „wie du den aus Ägypten ziehenden Moses erleuchtet hast, so mögest du erleuchten unsere Herzen und Sinne, dass wir zum ewigen Leben und Licht zu gelangen würdig werden“. – Das Licht, das Mose leitete, und das Licht der Osternacht, das uns zum ewigen Leben führe, von dem wir „entzündet und erleuchtet werden durch das Feuer deiner Herrlichkeit/Klarheit“(wie es weiter heißt) – redet man vom Heiligen Geist? [Weil in allen der ursprünglich drei Gebeten der Vater angesprochen wird, im ersten vom Sohn und im dritten von der Dreifaltigkeit die Rede ist, möchte ich spekulieren, dass das zweite dem Heiligen Geist gilt.]

Der Zusammenhang zwischen Mose, dem Durchzug und dem Licht wird auch schon im Exsultet hergestellt:
Haec igitur nox est, quae peccatorum tenebras columnae illuminatione purgavit. Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Zum Verständnis halte man sich kurz vor Augen, was zuvor geschah:
Standardsituation der Flucht aus Ägypten Ex 13,21:
Der HERR aber zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um sie auf dem Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern könnten.
Spezialsituation vor dem Durchzug Ex 14,19f.:
Und der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, brach auf und trat hinter sie; und die Wolkensäule vor ihnen brach auf und stellte sich hinter sie. So kam sie zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels, und sie wurde [dort] Gewölk und Finsternis und erleuchtete [hier] die Nacht, so kam jenes [Heer] diesem die ganze Nacht nicht näher.
Hier wird „jenes Heer“ wieder als Sünde, die das Auserwählte Volk verfolgt, verstanden, und Gott in der Säule von Feuer und Wolke trennt Licht von Finsternis . [Ob das eine Anspielung auf den ersten Schöpfungstag sein soll, von der in einer weiteren Lesung die Rede ist?]

Jedenfalls mag diese Stelle ein Grund gewesen sein, die Lesung in der aktuellen Form der Osternacht schon bei Ex 14,15 (statt mit Vers 24) zu beginnen.

Sonntag, 14. April 2019

Was zuvor gesagt werden zu müssen gemeint wird

Zur ersten Abgrenzung des Rahmens, in den die Feierlichkeiten der Osternacht die alttestamentlichen Schriftlesungen stellen, möge ein Blick auf die Rubriken, welche in den jeweiligen Messbüchern dem Beginn der Vigil vorangestellt werden, dienen.

Ausführlichst, übersichtlich geordnet und am vertrautesten ist die gegenwärtig gültige Ordnung (Missale Romanum 2002), zu der es unter dem Titel „Österliche Wache in der Heiligen Nacht“ heißt:
1. Nach ältester Überlieferung ist jene Nacht eine „des Wachens für den Herrn“ (Ex 12,42), [wobei dies leider im lateinischen Text des Messbuchs so nicht funktioniert, weil die Vulgata „Schimur“, ein in der Bibel nur an dieser Stelle gebrauchtes Wort für „(festliches) Wachen“ mit „observabilis“, was im Deutschen „beobachtbar“ (hier im Sinne von „beobachtet {= bewahrt} meine Gebote“) heißen würde, übersetzt, da die hebräische Wurzel „bewachen, bewahren“ ist, aber das Wachbleiben hier nicht wiedergibt – um jedenfalls die Verwirrung an dieser Stelle überschaubar zu halten, nehme ich das „Wachen“ aus der Bibel] so dass die Gläubigen gemäß der Mahnung des Evangeliums (Lk 12, 35-37) brennende Lampen in den Händen haltend ähnlich seien Menschen, die den Herrn erwarten, wenn er wiederkehrt, damit, wenn er kommt, er sie wachen findet und an seinen Tisch einlädt.
2. Die Wache dieser Nacht, welche die höchste und vornehmste aller Festlichkeiten ist, sei eine einzige für jede einzelne Gemeinde. So aber sei sie geordnet, dass nach dem Lucernarium [Abendgottesdienst bei Kerzenschein] und Praeconium [Osterbotschaftsverkündigung], welche den ersten Teil dieser Nachtwache bilden, die heilige Kirche die Wundertaten betrachtet, die der Herr Gott seinem Volk von Anfang an gewirkt hat, vertrauend auf sein Wort und seine Verheißung (zweiter Teil oder Wortgottesdienst), bis sie bei anbrechendem Tag zusammen mit ihren neuen, in der Taufe wiedergeborenen Gliedern (dritter Teil) gerufen wird zum Tisch, den der Herr seinem Volk bereitet hat, zum Gedächtnis seines Todes und Auferstehung, bis er kommt (vierter Teil).
Als gewiefter Küchenpsychologe rieche ich hier eine Notwendigkeit des Rubrikenautors, die bei der Liturgiereform geschehenen Änderungen zu rechtfertigen, indem man versichert, es werde sich hier strikt an die Bibel gehalten (also ob das bei der herkömlichen Form nicht der Fall gewesen wäre, s.u.), und eine Struktur behauptet, die der bekannten entspricht, die ohne diese Ankündigung aber möglicherweise übersehen werden würde.

Jedenfalls sei schonmal festgehalten, dass den Schriftlesungen ein Teil „Segnung des neuen Feuers – Lichtfeier“ vorangeht und ein Teil „Segnung des Taufwassers – Tauffeier“ folgt, und dass sich die Lesungen auf die Wundertaten Gottes beziehen.
3. Die gesamte Feier der Osternacht muss bei Nacht durchgezogen werden, so dass sie sowohl nicht vor Einbruch der Nacht begonnen als auch vor dem Morgengrauen des Sonntags beendet wird.
Hier haben wir nämlich den (eine gefühlte Rechtfertigungsnotwendigkeit motivierenden) springenden Punkt, denn zwar entspricht der Rubrikeninhalt der bekannten Regelung (s.u.), wird aber strikter gefordert. [Weil nämlich die Länge des eucharistischen Fastens (ca. 400 - 1953: von Mitternacht bis zur Messe) im Zuge der gleichen Reformbestrebungen wiederholt (1953, 1957, 1964) verkürzt wurde, weshalb man noch besser mit der Messfeier bis zur nächsten Nacht warten kann, weil man nämlich nicht 24 Stunden ohne Wasser und Brot auskommen muss.]
4.-6. [rechtliche Details]
7. Man sorge für Kerzen für alle Teilnehmer der Wache. Die Lichter der Kirche werden freilich gelöscht.
8. An geeignetem Ort außerhalb der Kirche wird ein brennender Scheiterhaufen [echt 😀] vorbereitet. Nachdem sich das Volk dort versammelt hat, tritt der Priester mit den Dienern dazu, von denen einer die Osterkerze trägt. Vortragekreuz und Leuchter werden nicht getragen. Wo aber ein Feuer außerhalb der Kirche nicht angezündet werden kann, wird der Ritus wie unten (Nr. 13) durchgeführt.
…
13. Wo wegen stark entgegenstehender Schwierigkeiten ein Scheiterhaufen nicht angezündet werden kann, wird die Segnung des Feuers den Umständen angepasst. Nachdem das Volk wie sonst in der Kirche versammelt ist, kommt der Priester mit den Dienern, die eine Osterkerze mitbringen, zur Kirchentür. Das Volk wendet sich, soweit es machbar ist, dem Priester zu.
Es geschehe Begrüßung und Ermahnung wie oben (Nr. 9); danach wird das Feuer gesegnet und die Kerze bereitet wie oben (Nr. 10-12).
Das witzige Detail hier ist, dass die Segnung des Feuers anscheinend auch ohne Feuer geschehen kann, weil nämlich (wie deo volente noch beschrieben werden soll) sowieso vergleichsweise wenig Aufhebens um dieses ganze Segnen gemacht wird, während die neu erfundene „Begrüßung und Ermahnung“ ja auch von der Türe aus geschehen kann, ohne dass sich das Volk weiter als es sich in der Kirchenbank sitzend drehen kann dem Geschehen zuwenden muss, solange die Lautsprecheranlage gut funktioniert.

Hier fühle ich mich zu einem Exkurs über den Verlust des Charakters der Kartage, welcher mir nur deshalb merklich ist, weil mein alter Pastor noch in den 1980ern neurubrikenwidrig den Segen nach der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag wegließ, gedrängt, der aber wegen der sich eh schon anbahnenden Überlänge dieses Textes unterdrückt werden muss. (Nur kurz: Die Begrüßung und das Kreuzzeichen am Anfang der Vigil stehen dem Charakter entgegen.)

Die Rubriken von 1570 sind da knapper:
Zu passender Stunde wird der Altar mit Tüchern bedeckt [er stand nach der rituellen Waschung am Gründonnerstag nackt da], die Kerzen bleiben aber ausgelöscht bis zum Anfang der Messe [das ist, wohlgemerkt, nach der Litanei zum Abschluss der Taufwasserweihe, also kurz bevor die Lesung aus dem Kolosserbrief kommt]. Zwischenzeitlich wird außerhalb der Kirche Feuer aus einem Stein geschlagen [und das ist wichtig! denn, wie man sehen soll, wird darauf in den Gebeten zur Feuersegnung ausdrücklich eingegangen] und aus ihm Kohlen entzündet. Nachdem die Non im Chor gebetet wurde [wobei mir nicht klar ist, ob lediglich „im Chorraum der Kirche“ gemeint ist oder (wahrscheinlicher) „in der Gemeinschaft der versammelten Kleriker“] segnet der Priester, der bekleidet ist mit Schultertuch, Albe, Gürtel, Stola und violettem Pluviale oder ohne Obergewand [wir sind nämlich bis zum Anfang der Messe noch in der Fastenzeit!], während ihm Diener mit Kreuz, Weihwasser und Weihrauch beistehen, vor der Kirchentür, wenn es bequem möglich ist, sonst im Eingangsbereich der Kirche selbst das neue Feuer, indem er sagt:
… und schon ist man mitten in der Segnung.

Man erkennt schon daran, dass die Liturgie nach der Non (theoretisch also ca. 15 Uhr) beginnt, die Messe aber gegen Mitternacht, dass sich die ganze Vigil etwas länger hinzog als man das heutzutage gewohnt ist.

Aus praktischen Gründen (eucharistisches Fasten, wie gesagt) wurden daher die Morgengebete (Matutin [eigentlich zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen] und Laudes [eigentlich zwischen Matutin und Prim, also 6 Uhr]) auf den Vorabend verlegt, was unter dem Namen Tenebrae mit besonderen Riten verknüpft war und erlaubte, die Oster„nacht“ schon um 9 Uhr morgens zu beginnen, wie der Ausschnitt einer kürzlich von Dr Taylor Marshall auf Twitter veröffentlichten Londoner Gottesdienstordnung für die Karwoche 1939 illustriert.



Obwohl die Reformen von 1955 die Osternacht ganz schön zerzaust haben, blieben die einleitenden Rubriken dieselben. Es wurde zur Klarstellung lediglich ergänzt (nach Missale Romanun 1962)
Die feierliche Ostervigil ist zu passender Stunde zu feiern, zu dieser nämlich, die erlaubt dass die feierliche Messe besagter Vigil ungefähr zur Mitternacht zwischen Karsamstag und Auferstehungssonntag beginnt. Wo es sich dennoch, nachdem die Umstände der Gläubigen und Orte bedacht wurde, nach dem Urteil des Ortsbischofs schickt, die Anfangsstunde der zu feiernden Nachtwache vorzuverlegen, soll diese nicht vor der Abenddämmerung, oder sicherlich nicht vor Sonnenuntergang beginnen.


Samstag, 13. April 2019

Endspurt zur Osternacht

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, wie man sagt, und da wir seit geraumer Zeit unter dem langen Schatten des Glanzes der Osternacht dahinziehen, mag es angebracht erscheinen, sich vorbereitend zu fragen, worum es in der Osternacht eigentlich gehen wird.

Ein erster Ansatz wäre, sich die Schriftlesungen, die in so reicher Fülle vorgelegt werden, anzugucken, und zu vergleichen, welche Stellen für wesentlich erachtet wurden.

Für den dunklen Teil der Nacht hätten wir gegenwärtig sieben Stellen aus dem Alten Testament im Angebot, was etwas mehr sind als die vier, die nach der Reform der Liturgie der Heiligen Woche vom Jahre 1955 übrigblieben, aber doch auch weniger (und z.T. andere) als die zwölf, die mindestens seit 1570 betrachtet wurden. Außerdem wurden sechs dieser Perikopen in der (der Osternacht ähnlichen, wenn auch etwas kürzeren) Pfingstvigil erneut vorgelegt.

Somit hätten wir als einen Indikator für die Wichtigkeit eines Ereignisses in der Geschichte des Auserwählten Volkes zum Verständnis des Ostergeheimnisses die Eindringlichkeit, mit der die Heilige Mutter Kirche uns die einschlägigen Berichte zu Gehör zu bringen sucht, gemessen als den Anteil der vier Liturgien, in denen die jeweilige Perikope vorgesehen ist.

Zur inhaltlichen Einordnung der Schriftstellen mögen die Gebete, die jeweils als Antwort auf die Lesung gesprochen werden, und die weiteren Texte der Osternacht, insbesondere das Exsultet, die den Rahmen, in die das Verständnis der AT-Texte einzuordnen ist, bilden, eine Hilfestellung bieten.

Das ist ja erstmal ein Programm.

Es folgen die Stellenangaben nach der Wichtigkeit des beschriebenen Ereignisses:
  1. für alle vier Vigilien vorgesehen:
    Ex 14,24-15,1
  2. in allen drei Missales für die Osternacht vorgesehen:
    Gen 1,1-2,2
  3. im Tridentinischen Messbuch für beide Vigilien und in einem anderen für die Osternacht vorgesehen:
    Gen 22,1-19 (im Missale von 1969),
    Jes 4,1-6 (im Missale von 1955)
    Deut 31,22-30 (im Missale von 1955)
  4. im Tridentinischen Messbuch für beide Vigilien und in Teilen in einem weiteren für die Osternacht vorgesehen:
    Bar 3,9-39 (im gegenwärtigen Messbuch: Bar 3,9 – 15.31 – 4,4)
  5. 1570 und 1969  für die Osternacht vorgesehen:
    Jes 55,1,11
  6. 1570 für beide Vigilien vorgesehen:
    Ez 37,1-14
Die übrigen Lesungen kommen nur jeweils einmal vor.

Der Vollständigkeit halber und zur Dokumentation der Reihenfolge der Lesungen (wobei nach der gegenwärtig gewöhnlichen Leseordnung in zwei Fällen alternative Kurzfassungen angeboten werden):

A) 1570, Osternacht:
Gen 1,1 – 2,2
Gen 5,32 – 6,22;7,6.11b-14.18b-21.23b-8,3.6-12.15-21a
Gen 22, 1-19
Ex 14,24 – 15,1
Jes 54, 17; 55, 1-11
Bar 3, 9-38
Ez 37, 1-14
Jes 4, 1-6
Ex 12, 1-11
Jona 3, 1-10
Deut 31, 22-30
Dan 3, 1-24

B) 1955, Osternacht
Gen 1,1 – 2,2
Ex 14,24 – 15,1
Jes 4, 2-6
Deut 31, 22-30

C) 1969, Osternacht
Gen 1,1 – 2,2 (oder Gen 1,1.26-31a)
Gen 22,1-18 (oder Gen 22,1 – 2.9a.10 – 13.15 – 18)
Ex 14,15 – 15,1
Jes 54,5 – 14
Jes 55,1 – 11
Bar 3,9 – 15.31 – 4,4
Ez 36, 16-28

D) 1570, Pfingstvigil
Gen 22,1-19
Ex 14,24 – 15,1
Deut 31,22-30
Jes 4,1-6
Bar 3,9-39
Ez 37,1-14
(Fortsetzung geplant)

Freitag, 12. April 2019

Die Schlinge zuziehen

Es spricht ein Dichter und lässt die Kirche [ursprünglich am 23. Sonntag nach Pfingsten, nach der neuen Messordnung aber] heute beten:
Latein:
Absólve, quæsumus, Dómine, tuórum delícta populórum, ut a peccatórum néxibus, quæ pro nostra fragilitáte contráximus, tua benignitáte liberémur.
Deutsch:
Vergib, bitten wir, Herr, die Vergehen deiner Völker, damit wir aus den Schlingen der Sünden, die wir wegen unserer Schwäche zusammengezogen haben, durch deine Güte befreit werden.
Messbuch:
Barmherziger Gott, wir haben aus menschlicher Schwachheit gefehlt und können aus eigener Kraft dem Netz der Sünde nicht entrinnen. Komm uns in deiner Güte zu Hilfe und befreie uns von aller Schuld.
Wie schön passt hier das Vergib (= absolve = löse) zur Schlinge (= nexus = Schuldknechtschaft) und dem Zusammenziehen (= contrahere = verursachen).

Wie blass, schal und kraftlos steht da die Standard-Hippiezeitalter-Rollkragenpullovertheologen-0815-Messbuch-„Übersetzung“ ab.

Donnerstag, 11. April 2019

Vom Vater unser zum Agnus Dei

Nach dem Vater Unser (das nach der alten Ordnung größtenteils [bis auf die Zeile „und erlöse uns vom Bösen“] vom Priester, nach der neuen aber von allen gemeinsam gesprochen wird, wobei der Priester dennoch die Arme ausbreitet, weil das Vater Unser halt ein Amtsgebet ist) wird gebetet
Líbera nos, quǽsumus, Dómine, ab ómnibus malis, prætéritis, præséntibus et futúris: et intercedénte beáta et gloriósa semper Vírgine Dei Genetríce María, cum beátis Apóstolis tuis Petro et Paulo, atque Andréa, et ómnibus Sanctis, da propítius pacem in diébus nostris: ut, ope misericórdiæ tuæ adjúti, et a peccáto simus semper líberi et ab omni perturbatióne secúri, exspectántes beátam spem et advéntum Salvatóris nostri Iesu Christi.
Erlöse uns, bitten wir, Herr, von allen Übeln, vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen; und auf die Fürsprache der seligen und glorreichen immer jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, zusammen mit deinen Aposteln Petrus und Paulus, sowie Andreas, und allen Heiligen gib gnädig Frieden in unseren Tagen: dass wir, unterstützt vom Beistand deiner Barmherzigkeit, sowohl immer von Sünde frei als auch von aller Verwirrung unbehelligt sind, die wir die selige Hoffnung und das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.
wobei der blaue Teil in der Neuen Ordnung gestrichen, der rote aber ergänzt wurde, als Trigger für eine Akklamation des Volkes („Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“), die es vorher nicht gab.

In alter Zeit bereitete der Priester während dieses Gebets das Brechen der Hostie vor. Dazu halte man sich vor Augen, dass die Hostie nur neuerdings die ganze Zeit auf der Patene liegt. Früher lag sie seit der Gabenbereitung auf dem Korporale. (Der Priester machte nämlich nach dem Suscipe, sancte Pater mit der Patene ein Kreuzzeichen über dem Korporale, wobei er bei der Seitwärtsbewegung die Hostie auf das Korporale gleiten ließ, worauf er die Patene halb unter das Korporale schob.)
Jetzt hatte der Priester die Patene zu Beginn des Gebetes zwischen Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand genommen und aufrecht über den Altar gehalten. Wenn er zu den Worten „da propítius pacem“ kam, segnete er sich mit der Patene und küsste sie anschließend.
Dann legte er die Hostie auf die Patene, nahm die Palla vom Kelch, machte eine Kniebeuge und brach die Hostie in der Mitte, während er das Gebet abschloss: „Durch denselben Jesus Christus, unseren Herrn, deinen Sohn“. Dann legte er die rechte Hälfte auf die Patene, brach von der linken eine Stückchen ab, während er sprach: „der mit dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes“. Dann verband er die linke Hälfte mit der auf der Patene liegenden, hielt das Stückchen in der rechten Hand über den Kelch, den er mit der linken am Knoten hielt und sprach: „in alle Ewigkeit“.
Nach dem Amen des Volkes segnete er mit dem Stückchen drei Mal über den Kelch, wobei der sprach:
Der Friede + des Herrn sei + allezeit mit + euch.
Derweil in der Neuen Ordnung:
Nach der Akklamation des Volkes spricht der Priester ein in der alten Ordnung erst nach dem Agnus Dei vorgesehenes Gebet („Herr Jesus Christus, du hast deinen Aposteln gesagt: Friede hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch …“) und fährt zum Volk gedreht, während er die Hände ausbreitet und wieder zusammenlegt, fort: „Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch“ und lädt das Volk zum gegenseitigen Friedensgruß ein, wonach auch er (ohne Worte) die Hostie bricht.

In beiden Ordnungen folgt ein stilles Gebet des Priesters, während er das Stückchen in den Kelch fallen lässt („Diese Vermischung [und Wandlung] von Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus gereiche uns Empfangenden zum ewigen Leben.“), und Agnus Dei.

Nach der Alten Ordnung folgen jetzt das Gebet „Herr Jesus Christus, du hast deinen Aposteln gesagt: Friede hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch …“ und Friedensgruß.