Sonntag, 23. Oktober 2016

Bei Zeitungslesen an den Papst denken

Der gegenwärtige Papst beschränkt sich bekanntlich bei der Nachrichtenaufnahme auf das Nötigste. Ist es da nicht nützlich, wenn gelegentlich wenigstens irgendjemand beim Zeitungslesen an ihn denkt, quasi um die Kluft zwischen Information und Papst geistlich überwinden zu helfen?

Jedenfalls riefen folgende Zeilen aus der FAZ mir unwillkürlich die päpstliche Gesetzesaversion und Spontanredeneigung in Erinnerung:
Das Recht steht für das Allgemeine, das in gemeinsamer, vernunftgeleiteter Suche gefunden werden muss. Darin liegt die Überwindung des egoistischen Selbstbezugs, der Nachgiebigkeit gegenüber momentanen Stimmungen, der Beschränkung der Perspektive auf den eigenen Erfahrungsbereich.

Wer im Internet politisch agiert [oder in Flugzeugen Interviews gibt?], ist nicht genötigt, in den genannten Dimensionen zu denken. Er kann ganz im Gegenteil seine Vorurteile ausleben und fehlenden Sachverstand durch Radikalität des Urteils ersetzen. Das fällt umso leichter, als hier Gefühlsäußerungen bereits als Wert gelten. Mit „likes“, also rein quantitativ gemessener Zustimmung, werden eigene Meinung und eigenes Ego aufgewertet. Politisches Urteil und geistige Anstrengung werden entkoppelt.


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Zweck oder Folge

Das scheinbar dunkle Herrenwort, das die Heilige Mutter Kirche uns heute zur Betrachtung vorlegt („Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.“), verliert sein Geheimnis sofort, wenn man unterscheidet, dass die Spaltung kein Selbstzweck ist und angestrebt wird, sondern eine Folge der Entscheidung, zu welcher der Herr auffordert: Die Umkehr zu Gott enthält notwendig eine Abkehr von weltlichen Gewohnheiten, die wiederum zu Konflikten mit denen, die daran festhalten wollen, führen muss.

In diesem Lichte lässt sich auch die anderswo in diesem Internet aufgeworfene Frage, ob der gegenwärtige Papst wohl ernstlich meine, ein Glaube ohne Werke sei tot, erhellen.

Sind barmherzige Werke ein Zweck der Kirche oder der Christusnachfolge? Paulus begründet im Römerbrief ausführlich sein Nein. Die Selbsterlösung durch fromme Werke funktioniert nicht. Erlösung ist Gnade, wird ungeschuldet von Gott geschenkt und durch Glauben angenommen. Dabei bleibt sie aber nicht stehen, sondern die Gnade überfliesst, sozusagen, wie der Psalmist festhält: „Wohl dem Mann, der … Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.“ (also seinen Glauben vertieft, denn:) „Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt“. Werke sind die Frucht (oder Folge) des Glaubens, ein Ausfluss der empfangenen Gnade. Oder wie der Aposteln den Ephesern mitteilt: „Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, … die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.“ Das Erkennen, das die (rein verstandesmäßige) Erkenntnis übersteigt, ist ein Einsehen, Erfahren, Gesonnensein, das nicht im Wissen stehen bleibt. Oder wie Papst Benedikt lehrte: Das Wort Gottes ist nicht informativ, sondern performativ; es gibt nicht Wissen weiter, sondern bewirkt etwas: es formt den, der es aufnimmt, um, macht ihn Christus gleichförmiger. Und aus dieser Nachahmung Christ folgen barmherzige Werke.

Damit lässt sich im Umkehrschluss sagen: wo keine Werke sind, wird wohl auch der Glaube nicht sehr groß sein. Nicht aber ist gemeint: wenn wir nur eifrig Werke täten, würde der Glaube sich schon einstellen (oder gar entbehrlich). Wer sich nur auf sich selbst verlässt, ist quasi gottverlassen (die ganze Bibel, passim). Fest im Gottvertrauen gegründet, entwickelt die Kirche (und der einzelne Christ) die Kraft („Dynamik“) und Wirksamkeit („Energie“), die sie aus sich selbst nicht aufbringen kann.

Daher ist Anfang und Ende, Quelle und Ziel des kirchlichen Tuns die Danksagung, denn Gott „werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. Amen.“ (Eph 3,21).

Es bleibt zu hoffen, dass der gegenwärtige Papst bei aller Werkversessenheit nur nicht erwähnt (und nicht etwa vergessen) hat, worin die Gabe Gottes besteht.

Montag, 3. Oktober 2016

Hammers bald

Wer je sich mit kleinen Kindern auf eine Urlaubsreise begab, mag wohl auch den hochfrequenten Refrain, der, sobald die heimatliche Behausung dem Blick entschwindet, einsetzt, im Ohr haben: „Sind wir schon da?“

So ähnlich mag sich Jesus vorgekommen sein, als seine Jünger ihn um Mehrung des Glaubens baten, wohl meinend, sie hätten es fast geschafft, das Ziel müsste doch gleich erreicht sein, es fehlte nur noch ein Stückchen – worauf der Herr sich bemüßigt sah, grundlegend zu erläutern, dass es sich mit dem Glauben oder der Heiligkeit in etwa so verhalte wie mit dem Schwangersein: ein bisschen mehr oder weniger ist nicht – es ist eine Frage von entweder/oder.

Zwar mag der Betroffenen selbst ihr Zustand noch nicht bewusst sein, aber wenn sie schwanger ist, kann nichts mehr getan werden, um sie noch schwangerer zu machen. Und wenn jemand heilig ist, mag es zwar nicht allen Mitmenschen immer sofort auffallen, aber der entscheidende Schritt ist getan. Und wenn die Jünger um etwas mehr Glauben bitten, verkennen sie, dass – wenn sie auch nur ein mikrowinziges Portiönchen Gottvertrauen hätten – weiteres gar nicht erforderlich wäre, da sich die Kraft des Glaubens von selbst Bahn bräche.

Ja aber, möchte man sagen, haben wir nicht Haus und Hof verlassen, Dämonen in deinem Namen ausgetrieben und was nicht alles für Aktion veranstaltet, von denen wir meinten, sie zeigten unseren Glauben?!

Hm, antwortet der Herr, und welcher Art Lob genau erwartet ihr jetzt dafür? Wenn ein Sklave seine Arbeit halb gemacht hat, kehrt sich dann das Verhältnis von Sklave und Meister um? Aber gar nicht, sondern der Rest ist auch noch zu erledigen. Und wenn ihr euch für eure frommen Werke auf die Schulter klopft, meint ihr, damit hammer’s bald? Nein, vielmehr ist des Armen, der wie ein Bettler vor Gott zusammengekauert um den Heiligen Geist fleht, das Himmelreich, will sagen, wenn die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in eure Herzen durch den Heiligen Geist, in euch zur lebendigen sprudelnden Quelle wird, dann geht hin und tut was ihr wollt – ihr steht nicht mehr unter einem Gesetz, das den einzelnen Handschlag regelt, sondern ihr bringt die Frucht des Geistes hervor, das ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Mäßigkeit.

Und wenn ihr ein bisschen schwanger, heilig oder gläubig seid, davon aber selbst noch nicht soviel merkt, wird dennoch zur bestimmten Zeit die Verheißung erfüllt; und wenn es noch dauert, dann wartet drauf, denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus. Verzagt also nicht, denn der Geist, der euch gegeben ist, ist kein Geist der Feigheit, sondern ein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Bewahrt vielmehr das euch anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in euch wohnt.

Eure Glaube ist nichts, was trippelschrittchenweise vermehrt werden müsste – er wird euch ein für alle Mal komplett im Paket geschenkt, und alles, was fehlt, ist, dass ihr aus ihm lebt.



[Hinweis für den Leser, der wegen Erntedank auf die Schnelle nicht aussortieren kann, auf welche Perikope hier eigentlich bezug genommen werden soll: Guckstu hier]

Dienstag, 23. Februar 2016

Abschiede in Trier

In einem Brief an alle Trierer Bischöfe erläutert Pfr. Dr. Helmut Gehrmann seine Anfragen an die „Trierer Synode“. Ein Punkt aus der in ihrer ganzen (erheblichen) Länge lesenswerten Analyse der „Empfehlungen“ der Synode:
Dort heißt es, unter der Überschrift „Abschiede“ unter Punkt 2.: „Wir nehmen Abschied von der Vorstellung, dass alle Gläubigen das Bedürfnis haben, am Sonntag die heilige Messe oder sonstige Gottesdienste zu besuchen; das gilt auch für die in der Kirche Engagierten.“
Diese Passage ist ganz bezeichnend für die heutige Kirchenkrise. Generell wird aus der Kapitulation vor dem faktischen Verhalten vieler Getaufter ein Maßstab für die Entscheidungsfindung der Kirche abgeleitet.
Dem hält Pfr. Gehrmann (unter vielem anderen) zu Recht entgegen:
Sakramente … sind nicht im Grunde verzichtbare Garnierungen unserer „geistlichen Freizeitgestaltung“.
Ein Kontrast wird gezeichnet: in den Ordinariaten wird ein „Kasernenhofton wiederentdeckt, an den sich selbst Mitbrüder von Weihejahrgängen der 50er Jahre nicht mehr erinnern können“, der sich an den Reaktionen den Priestern gegenüber zeigt:
Wer sich als Priester den strukturellen Neuentwicklungen versagt, und irgendwelchen sekundären administrativen Direktiven nicht sofort nachkommt, hat mit unverhältnismäßig scharfen Reaktionen zu rechnen.
Die in der Diözesansynode versammelten („engagierten“, aber dem Glaubensleben und den Sakramenten entfremdeten) Laien scheinen das nicht zu kennen:
Schon die erstaunlich muntere Ungeniertheit, mit der die Aufgabe der Sonntagspflicht vorgetragen wird, deutet darauf hin, dass die Synodalen nicht mehr mit einschränkenden oder korrigieren Direktiven seitens der Bistumsleitung rechnen.
Dieser Eindruck wurde auf dem Priestertag durch den Einwurf bestätigt, viele Empfehlungen der Synode könnten wegen der Höhe der anfallenden Kosten gar nicht umgesetzt werden. Wenn die theologische Beurteilung mancher „Empfehlungen“ offenbar keine entscheidungsrelevante Rolle mehr spielt, muss die, als Beruhigung der Priester gedachte Bemerkung, ungewollt Anlass für Befürchtungen werden.
Gegen Ende fasst der Autor seine Befunde zusammen:
Die „Empfehlungen“ der Trierer Synode bedeuten in mancher Hinsicht nicht nur ein Aufweichen des sakramentalen Priestertums in der Praxis …, sondern sind geeignet, dem Wunsch nach einer anderen, insgesamt entsakramentalisierten Kirche zu entsprechen. …In den Vorschlägen der Synodalen wird eine Haltung erkennbar, die im Priestermangel keinen bedauerlichen Missstand erkennt, sondern die Chance erkennt, die Option eine entsacerdotalisierte Glaubensorganisation entwickeln zu können. Es wird der Entwurf einer Glaubensgemeinschaft sichtbar, die diakonisch, sozialraum- und projektorientiert und natürlich geschlechtersensibel sein will, aber nicht mehr von Umkehr und Heiligung spricht.
Das Erschütternde ist, dass es sich offensichtlich nicht (wie man meinen könnte) um überspitzte Sartire handelt, sondern um (im Text mit Beispielen und Argumenten unterlegte) Lebenswirklichkeit in deutschsprachigen Bistümern.

Kommentiert dazu in der heutigen Lesung der Prophet Jesaja:
Hört das Wort des Herrn, ihr Herrscher von Sodom! Vernimm die Weisung unseres Gottes, du Volk von Gomorra! Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun!

Dienstag, 9. Februar 2016

Fasten Burger (kein Rezept)

Drei unkommentierte Sniplets aus dem Internet:

Der Katechismus der Katholischen Kirche (Artikel 2043) zum Fasten:
Das fünfte [Kirchen]Gebot (,‚Du sollst die gebotenen Fasttage halten") sichert die Zeiten der Entsagung und Buße, die uns auf die liturgischen Feste vorbereiten; sie tragen dazu bei, daß wir uns die Herrschaft über unsere Triebe und die Freiheit des Herzens erringen.
Der Freiburger Erzbischof Burger im KNA-Interview zur Fastenaktion:
KNA: Was kann die Fastenaktion, bei der Misereor in den Wochen vor Ostern um Spenden wirbt, hier in Deutschland erreichen?
Burger: Die Fastenaktion will ins Bewusstsein heben, welche Probleme zum Beispiel in Brasilien, aber auch in vielen anderen Regionen bestehen, wenn die politisch Verantwortlichen die Menschenrechte nicht achten. Es geht um die Herstellung von Öffentlichkeit. Und natürlich um finanzielle Unterstützung, ohne die Hilfsprojekte nicht möglich sind.
Das Tagesevangelium:
Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.