Freitag, 4. November 2016

Der Herr lobt Franz Cleverle

In Zeiten, da gültige Ehen nicht mehr geschlossen werden können, weil niemand mehr versteht, welch gelegentlich ausgedehnten Zeiträume mit dem Versprechen einer „lebenslangen“ Treue verbunden sein können, ist man leicht geneigt, realistischere Ansprüche zu stellen:
Was hast du getan – permanenter Ehebruch? Sagen wir: du kümmerst dich um die Kinder der neuen Beziehung. Und du – Sodomie? Sagen wir: man übernimmt Verantwortung für einander.
Und der Herr lobte die Klugheit des gegenwärtigen Papstes und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.
Es ist schon beeindruckend, mit welchem Eifer manche Bischöfe sich beliebt zu machen bestrebt sind; wer hätte ihnen solche Weitsicht bei der Nach-Rücktritts-Versorgungsplanung zugetraut.

Komisch, dass Paulus nicht mitzieht, wenn er mäkelt:
Denn viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.




Donnerstag, 3. November 2016

Was weiß ich

Nach langen Streitgesprächen mit seinen Freunden und Gehadere mit Gott kam Ijob schließlich zu einer Einsicht: Ganz sicher aber weiß ich, dass …

Was er aber nun weiß, erschließt sich aus dem überlieferten Text scheint’s unvollständig, wie aus der Vielzahl der unterschiedlichen Übersetzungsversuche erhellt.

Nehmen wir zuerst mal Ijob 19,25 aus der HBS und multiplizieren mit dem Wörterbuch, so ergibt sich:
Und ich merke/erfahre/erkenne/verstehe: mein Erlöser/Bluträcher lebendig/frisch, und wird als Hinterer/Zweiter/Künftiger/Letzter über/auf dem Staub/Lehm/Erdboden/Schutt aufstehen/sich erheben/Bestand haben/stehen.
Schon die Alten scheinen sich nicht mehr recht sicher gewesen zu sein, was dies heißen könnte, denn die Septuaginta hat: „ewig ist, der mich erlösen wird auf der Erde“, mit einem klaren Diesseits-Bezug und der Erwartung einer innerweltlichen Wiedergutmachung, wie ja auch schließlich Ijob zu neuen Besitztümern und Kindern kommt. Okay, aber hm.

Der Heilige Hieronymus hat in der Vulgata eine eher endzeitliche Vision, macht allerdings einen Grammatikfehler, wenn er übersetzt: "mein Erlöser lebt und ich am Ende von der Erde auferstehen werde".

Interessant die Idee, den Goel als Anwalt/Vertreter/Verteidiger zu sehen, wie z.B. in
Zürcher Bibel: mein Anwalt lebt, und ein Vertreter ersteht (mir) über dem Staube.
Rießler: für mich lebt ein Verteidiger, und schließlich tritt er doch auf Erden auf.
In vielen Übersetzungen weiß Ijob, dass sein Erlöser auf dieser unserer Erde stehen wird; deutlich unklarer scheint zu sein, ob der Erlöser „als Letzter“ (wie soll man das verstehen? alle Menschen sind hinweggerafft und einer bleibt übrig?) oder „zuletzt/schließlich/am Ende/zukünftig“ (was ja irgendwie voll einsichtig ist) steht.

Beliebte Varianten dazu sind:
Nova vulgata: mein Erlöser lebt und wird am Ende über dem Staub stehen.
Einheitsübersetzung: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub.
Elberfelder: mein Erlöser lebt; und als der letzte wird er über dem Staub stehen
Luther 1984: mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.
Pattloch: mein Verteidiger lebt, und als letzter wird er über dem Erdenstaub auftreten.
Schlachter 2000: mein Erlöser lebt, und zuletzt wird er sich über den Staub erheben.
English Standard Version: mein Erlöser lebt, und am Ende wird er auf der Erde stehen.
King James Version: mein Erlöser lebt, und dass er wird am späteren Tag auf der Erde stehen.
Segond 21: der mich erlöst lebendig ist und dass er sich zuletzt über der Erde erheben wird.
Český ekumenický překlad: mein Erlöser lebt, und schließlich wird er auf der Erde stehen.
Slovo na cestu: mein Erlöser lebt, und schließlich auf der Erde stehen wird.
Holman Christian Standard Bible. [Ich kenne] meinen lebendigen Erlöser, und Er wird am Ende auf dem Staub stehen.
Nur zur Erheiterung einige phantasiegeschwängerte Versuche:
Hoffnung für alle: mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort!
Gute Nachricht Bibel: Gott, mein Anwalt lebt! Er spricht das letzte Wort hier auf der Erde.
Neues Leben: mein Erlöser lebt und auf dieser Erde das letzte Wort haben wird
Neue evangelistische Übersetzung: mein Erlöser lebt, er steht am Schluss über dem Tod.
Bible du Semeur: mein Verteidiger ist lebendig: er wird sich erheben über die Erde, um das Urteil zu verkünden.
Het Boek: mein Erlöser lebt und dass er schließlich mit seinen Füßen auf der Erde stehen wird.
Nueva Version Internacion: mein Erlöser lebt, und dass am Ende er triumphieren wird über den Tod.
O Livro: mein Erlöser lebt, und bei ihm wird sein das letzte Wort zu meiner Verteidigung.
Nya Levande Bibeln: mein Erlöser lebt und mir endlich nahe sein wird.
Bibelen på hverdagsdansk: es jemanden gibt, der mich befreien wird, und er auf der Erde stehen wird.
Insgesamt finde ich die konkrete Messias-Erwartung, dass nämlich Gott, der Erlöser, persönlich auf der Erde wandeln wird, am verständlichsten:
Ich weiß gewiss: mein Erlöser lebt und wird künftig auf dem Erdboden stehen.


Mittwoch, 2. November 2016

Paul meint: Ball flach halten

Zu den immer wieder erstaunlichen Entdeckungen eines Sinnes in den Paulus-Briefen trägt ein Blick auf Röm 12,15f. bei.

Die Einheitsübersetzung hat
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!
16 Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für weise!
was mir noch nie recht einleuchten wollte, weil erstens zum gleichen Thema in 1 Kor 12, 31a („Strebt aber nach den höheren Gnadengaben“) etwas ganz anderes geschlussfolgert wurde und zweitens hier nur wenige Worte vorher noch die rechte Weise des prophetischen Redens und Lehrens eingeschärft wurde, was den einheitsübersetzt implizierten Gegensatz von Nachdenken und Demut seltsam erscheinen lässt. Wieso sollte Paulus von den Römern fordern, dass alle gleich dumm bleiben?

Hier mal zum Vergleich, was ich dort lese:
Sich freuen mit den Sich-Freuenden, zu weinen mit den Weinenden:
Auf das gleiche [Prinzip] seid auch gegeneinander bedacht; nicht über Abgehobenes spinntisierend, sondern die einfachen Gemüter mitnehmend, fangt nicht an, untereinander zu vernünfteln.
Es wäre dann nicht generell dem Nachdenken ein Verweis erteilt, sondern dem Klugscheißen gegenüber Leuten, denen eine tiefergehende Reflexion eher zur Verwirrung gereicht [und möglicherweise deren Antworten, die den Weisen um seine Gemütsruhe bringen können, was anscheinend in der angeschriebenen Gemeinde das größere Problem war, wenn ich die vorangehenden Verse, speziell Röm 12,3 (überschätzt eure eigene Schlauheit nicht, sondern jeder sei darauf bedacht, so vernünftig zu sein, wie es ihm Gott gegeben hat) richtig verstehe].

Während ich zugeben muss, dass meine Lesung doch sehr verschieden von der Einheitsübersetzung ist, möchte ich zu Gute gehalten wissen, dass das Wörterbuch für phronountes (das am Anfang von Vers 16 zwei Mal gleich hintereinander vorkommt: „das Gleiche gegen einander phronountes, nicht die Hohen phronountes“) zwar alle möglichen Bedeutungen angibt (z.B. denken, vernünftig / klug sein; einsehen, verstehen, wissen; urteilen; bedacht sein auf; gesinnt sein), allerdings keine, die mir eine Wiedergabe von „nicht die Hohen phronountes“ mit „strebt nicht hoch hinaus“ zwingend oder auch nur halb-richtig erscheinen lässt.
Übrigens vermag ich in „die Geringen mitwegführend“ auch kein „bleibt demütig“ zu entdecken.

Insgesamt würde ich meinen wollen, Paul mahnt die Römer: Lasst es gut sein mit eurer Zänkerei; erstens sag ich euch mal, wie es ist (Röm 11,25: „Damit ihr euch nicht auf eigene Einsicht verlasst, Brüder, sollt ihr dies Geheimnis wissen …“) und zweitens sollten manche Leute das Denken lieber den Pferden überlassen (wegen des größeren Kopfes) und die anderen den Ball flach halten und jeder zusehen, dass er mit seinem bißchen Glaube zurechtkomme, wie es eben gehen will.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Der neue Schludder

Zuerst die gute Nachricht: in der F.A.Z. macht man sich anlässlich des päpstlichen Schwedenbesuchs Gedanken.

Und jetzt zu den Details:

Der Autor attestiert der Kirche im Rahmen der „Interpretation der Interpretation der Interpretation des päpstlichen Schreibens [Amoris laetitia]“ eine „Selbstabschaffung ihres religiösen Lehramtes“, wobei zu einem Interview von Walter Kaspar bemerkt wird: „Er bescheinigt den Papst nicht, er habe schludrig gearbeitet, die Dinge schlecht durchdacht, nicht klar genug formuliert“, obwohl das in des Autors Augen möglicherweise eine treffende Beschreibung ist, zumal er auch einen Freiburger Theologen Helmut Hoping mit den Worten „Aktuell sehe ich die Gefahr darin, dass das päpstliche Lehramt durch lehrmäßige Unklarheit und irritierende Spontanäußerungen seine Autorität verspielt“ zitiert.

Nach Exkursen, z.B. über die Ökomene in Wittenberg, will sagen, dass unter dem gegenwärtigen Pontifikat die Rückkehr der verlorenen Schafe in den Schoß der Heiligen Mutter Kirche weniger wahrscheinlich scheint als ein General-Exodus aus der Sklaverei der Doktrin („Ist Franziskus der Luther von 2017? Macht er in einer Art historischer Punktlandung aus der katholischen Kirche die reformierte Einheitskirche?“) kommt man zum Schluss:
Was aber, wenn sich, wie im vorliegenden Fall, die Kontroversen gar nicht auf einen theologischen Dissens berufen, sondern schlicht auf die Unmöglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist? … Es würde dann selbst für Kirchenmitglieder belanglos werden, was ein Papst sagt. … Ein Glaube wie der christliche, der sich auf seine Vernunft (und also auf intellektuelle Standards) etwas einbildet, bekäme 2017 eine Verlustrechnung zugestellt.
Naja, wenn durch das gegenwärtige Pontifikat endlich der christliche Vernunftsdünkel korrigiert wird, ist ja alles in Buther.

Tippfehler im Lukasevangelium

Das gerne mit Ausmalbildchen verkündete Evangelium von Zakchäus („Der war ja auch klein von Wuchs, da können sich die Kinderlein gut hineinversetzen“) mit seiner sozialreformerischen Auslegung („Man muss aber auch immer den anderen etwas abgeben, gelle?!“) scheint bei Lukas falsch überliefert zu sein, denn da wird „Heil diesem Haus“ statt „Heil den Armen dieser Stadt“ gelesen.

Erinnert mich etwas an eine kürzlich rezipierte Statistik, wonach die 64 reichsten Personen auf diesem Planeten genausoviel besitzen wie die ärmsten 75% des Rests. Was natürlich unmittelbar mit der Forderung verknüpft wurde, sofort zu enteignen und zu verteilen. Worauf ein geschickter Rechner herausgefunden hat, dass dabei jedem Armen etwa 34 Cent (wobei ich jetzt nicht genau erinnere, ob Dollar- oder Euro-Cent) zufallen würden.

Jetzt fehlt es bei Lukas etwas an präzisen Angaben, wie viel genau Zakchäusens Hälfte des Vermögens ausmachte oder wie vielen Bettlern die Gabe zugute kommen sollte, weshalb nicht genau feststeht, ob auch im Evangelium ein 34-Cent-Heil bejubelt wird.

Soviel zur Stirnpatsch-Exegese.

[Nur für den unsicheren potentiellen Leser: das Heil liegt in der Abkehr von der Habgier, die sich in der Verteilung der Vermögenshälfte und in der Wiedergutmachung (im Juristendeutsch: „Buße“) des erpressten Schadens manifestiert, nicht in irgendwelchen ökonomischen Folgen für Dritte. Weshalb das Heil dem Haus des Zakchäus zugesprochen ist, nicht den Nutznießern seiner Bekehrung.]


Was ich aber interessant fand, war die prophetische Rede der Murrenden, die sprachen: Bei einem sündigen Mann tritt er ein katalûsai.

Kataluo meint u.a. losbinden, ausspannen (die Ochsen aus dem Joch, z.B.) und dann figürlich „Halt machen, um auszuruhen; einkehren“. Und während die Sehenden alle murrten über das Einkehren, sprachen sie wahr: Jesus kehrt ein, um den Sünder von seiner Sünde loszubinden.

Daher will ich dich rühmen, mein Gott und König, und deinen Namen preisen immer und ewig, denn du siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren.