Montag, 22. April 2019

Hippikirch-Wörterbuch

Fast wäre ich geneigt, ein Deutsch-Hippikirch-Wörterbuch zusammenzustellen. Soll für einen Anfang der tabellarische Vergleich des ostermontäglichen Tagesgebetvokabulariums genügen.

Gott                                                          Gott, du Herr allen Lebens
durch neue Nachkommenschaft vermehren   durch die Taufe neue Söhne und Töchter schenken
immer                                                       Jahr für Jahr
erlauben / gewähren / gestatten                   geben
deine Diener                                              alle Christen


Zur Einübung im Textzusammenhang:
Original:
Deus, qui Ecclésiam tuam nova semper prole multíplicas, concéde fámulis tuis, ut sacraméntum vivéndo téneant, quod fide percepérunt.
Übersetzung:
Gott, der du deine Kirche immer durch neue Nachkommenschaft vermehrst, gewähre deinen Dienern, dass sie durch [entsprechendes] Leben das Sakrament bewahren, das sie durch den Glauben empfangen haben.
Messbuch:
Gott, du Herr allen Lebens, durch die Taufe schenkst du deiner Kirche Jahr für Jahr neue Söhne und Töchter. Gib, dass alle Christen in ihrem Leben dem Sakrament treu bleiben, das sie im Glauben empfangen haben.

Sonntag, 21. April 2019

Die Neue Ordnung der Heiligen Woche

Die erste Welle der liturgischen Reformen, die zu einer Neuordnung der Feiern in der Karwoche und an Ostern führte, wird wie folgt zusammengefasst:
1948 hatte Papst Pius XII. unter dem Einfluß der “Liturgischen Bewegung”, die er für ein “gnadenvolles Wirken des Heiligen Geistes in seiner Kirche” hielt, eine Kommission für eine Liturgiereform eingesetzt. In einer ersten Phase, die bis 1960 reichte, brachte sie u.a. die “Neuordnung der Karwoche” von 1955 und im gleichen Jahr eine Änderung der Rubriken v.a. für das Breviergebet auf den Weg, in welchen bereits wesentliche Prinzipien und Gestaltungen der “Neuen Messe” umgesetzt wurden. Das Gesamt dieser ersten Reformen erschien 1962 als die “Liturgischen Bücher Johannes’ XXIII.”
Folgt [für eventuell Interessierte, die keine Lust haben, sich durch sämtliche Beiträge zu wühlen] eine Übersicht der kürzlich hier dazu geteilten Beschreibungen einiger veränderter Details:
  • Kurzer Vergleich von drei Karfreitagsliturgien
  • Übersicht und Vergleich der vorgesehenen AT-Lesungen in der Osternacht
  • Vergleich der Rubriken zur Eröffnung der Osternacht
  • Hintergrund zur Entzündung des Osterfeuers
  • Wie man früher Osterfeuer und Weihrauchkörner segnete
Weiter wird in der angegebenen Quelle die Apostolische Konstitution von Paul VI. „Missale Romanum“ zur „Einführung des gemäß Beschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Römischen Meßbuches“ zitiert:
Einen Anfang machte Unser Vorgänger Pius XII. durch die Neuordnung der Osternacht und der Karwoche (Vgl. Ritenkongregation, Dekret Dominicae Resurrectionis vom 9.2.1951: AAS 43 (1951), S.128 ff.; Dekret Maxima redemptionis nostrae mysteria vom 16.11.1955: AAS 47 (1955), S.838 ff.), womit er gleichsam den ersten Schritt tat, um das Römische Meßbuch dem Empfinden unserer Zeit anzupassen.
Da die Reformer selbst angeben, das aktuelle Messbuch sei auf die Mode einer konkreten Zeitspanne zugeschnitten, also in der Liturgischen Bewegung der 1920er Jahre angeregt, der Nachkriegszeit entsprungen und in der 1968er Revolte gereift, darf man fragen, in welchen Abständen andere Moden zu berücksichtigen seien, und ob es nicht Zeit wird, entweder ein neues Messbuch nach dem Geschmack der Millenials zu schustern – oder einfach zur Messe aller Zeiten zu greifen.

Samstag, 20. April 2019

Da tat mir mein heiliger Name leid

Die letzte alttestamentliche Lesung in der gegenwärtigen Form der Osternacht ist ebenfalls mit der letzten Liturgiereform dazugekommen und aus Ezekiel Kapitel 36 genommen:
16 Das Wort des HERRN erging an mich:
17 Menschensohn, als die vom Haus Israel in ihrem Land wohnten, machten sie es durch ihre Wege und ihre Taten unrein. Wie die monatliche Unreinheit der Frau waren ihre Wege in meinen Augen.
18 Da goss ich meinen Zorn über sie aus, weil sie Blut vergossen im Land und es mit ihren Götzen befleckten.
19 Ich zerstreute sie unter die Nationen; in die Länder wurden sie vertrieben. Nach ihren Wegen und nach ihren Taten habe ich sie gerichtet.
20 Als sie aber zu den Nationen kamen, entweihten sie überall, wohin sie kamen, meinen heiligen Namen; denn man sagte von ihnen: Das ist das Volk des HERRN und doch mussten sie sein Land verlassen.
21 Da tat mir mein heiliger Name leid, den das Haus Israel bei den Nationen entweihte, wohin es auch kam.
22 Darum sag zum Haus Israel: So spricht GOTT, der Herr: Nicht euretwegen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr bei den Nationen entweiht habt, wohin ihr auch gekommen seid.
23 Meinen großen, bei den Nationen entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen. Und die Nationen - Spruch GOTTES, des Herrn - werden erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich mich an euch vor ihren Augen als heilig erweise.
24 Ich nehme euch heraus aus den Nationen, ich sammle euch aus allen Ländern und ich bringe euch zu eurem Ackerboden.
25 Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen.
26 Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.
27 Ich gebe meinen Geist in euer Inneres und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Rechtsentscheide achtet und sie erfüllt.
28 Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gegeben habe. Ihr werdet mir Volk sein und ich, ich werde euch Gott sein.
Die Lesung hat eine recht praktische Struktur; sie besteht aus zwei Teilen: in den Versen 16-21 begründet der Herr dem „Menschensohn“ seinen in der Vergangenheit gegen Israel entbrannten Zorn, in den Versen 22-28 gibt er seine Heilsbotschaft an das Haus Israel kund.

Dabei kündigt der Herr an, spiegelbildlich alles rückgängig zu machen, was mit Israel schief gelaufen ist:
  • Als Folge von Israels Unreinheit tat Gott sein heiliger Name leid (V. 21) – Gott wird handeln um seines Hl. Names willen (V. 22)
  • Israel entweihte den Namen bei den Nationen; die Nationen spotteten (V. 20) – Gott wird seinen Namen wieder heiligen; die Nationen werden erkennen, dass er der Herr ist (V. 23)
  • Gott zerstreute Israel unter die Nationen (V. 19) – Gott sammelt Israel aus den Nationen (V. 24)
  • Gott goss seinen Zorn über sie aus wegen der Götzen (V. 18), Israel machte das Land unrein (V. 17) – Gott gießt reines Wasser über Israel aus und reinigt es von allen Götzen (V. 25)
Dann aber – auf der Soll-Seite bei der Ausgangssituation des „im Land Wohnen“ angekommen – steigert er seine Heilsankündigung noch weiter, d.h. die Fülle der Gottesnähe übersteigt den Bund der alten Zeit:
Gott gibt ein neues Herz, er legt seinen Geist in seines Volkes Inneres, so dass sie seinen Gesetzen folgen und im Land wohnen und Gottes Volk sind und er ihr Gott ist.

Auf die Osternacht bezogen: Adams Schuld wurde durch die größere Erlösung getilgt, so dass die Menschheit am Ende besser dasteht als vorher, oder um es in den Worten des Exsultet zu sagen
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden!
Außerdem ist die Lesung voll von Anklängen an andere Lesungen, die in der Osternacht genommen werden konnten, z.B.
  • V. 18: Gott goss seinen Zorn aus – Gott goss die Sintflut über die verquere Menschheit aus
  • V. 19: Gott zerstreute Israel unter die Völker – In der Babylonischen Gefangenschaft sollen die Juden zum Götzendienst gezwungen werden
  • V. 22: „Nicht euretwegen handle ich“ – aus reiner Gnade sind wir gerettet, so wie es Jes 55 heißt: „Kommt, kauft umsonst“ (=gratis, nämlich aus gratia=Gnade)
  • V. 23: „Die Nationen werden erkennen, dass ich Herr bin“ – das scheint die Kernbotschaft des AT zu sein, so oft wie es ausgesagt wird, aber eben auch in der Ex-14-Lesung
  • V. 24: „Ich nehme euch heraus aus den Nationen“ – und wenn es sein muss mit einem Passah
  • V. 24: „Ich sammle euch aus allen Ländern“ – aus allen Völkern werden Söhne Abrahams
  • V. 25: „Ich gieße reines Wasser über euch aus …“ – Das Thema Taufe beherrscht die Osternacht.
  • V. 25: „Ich reinige euch von aller Unreinheit“ – Der Kot wird aus dem Gesicht gewischt
  • V. 26: „Ich gebe euch ein neues Herz“ – Ihr steht fortan unter dem Gesetz der Liebe, nicht dem des Schreckens
  • V. 27: „Ich gebe meinen Geist in euer Inneres“ und belebe euch wie in Ez 37
  • V. 27: „Ich bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt“ – Keiner kennt den Pfad der Weisheit, nur der Allwissende kennt sie. Sie erschienauf der Erde und lebte mit den Menschen
Und die Angel, um die sich alles dreht und woran es hängt, ist der Heilige Name, in dem Gott sein Wesen offenbart, das ist Gnade und Wahrheit, wie sich auch hier wiederspiegelt: die Wahrheit im Gericht im ersten Teil, die Gnade dann ab Vers 22 ohne Ende.

Nach dieser Lesung stehen zwei Gebete zur Auswahl: das, was früher nach der Lesung zur Sintflut (Gen 5-8) genommen wurde, oder das, was früher nach der Lesung Ezechiel 37 genommen wurde. Oder aber, wenn in der Osternacht getauft wird, nimmt von ein dafür geeignetes Gebet. Also quasi irgendeins.

Insgesamt scheint mir die Lesung keine sehr spezifische Botschaft zu haben (schließlich läuft sie auf das „Ihr werdet mir Volk sein und ich werde euch Gott sein.“ hinaus, was von jeher Thema der Bibel ist, weshalb auch quasi jede andere Bibelstelle hier mit hineinspielt. Mir scheint, diese Lesung wurde ausgewählt, damit der Zelebrant sich aussuchen kann, worüber er predigt – steckt alles im Ezekiel drin.

Aktuelle Osternacht - Quarta lectio (De nova Ierusalem)

Die nach der aktuellen Leseordnung vierte, im Zuge der Paulinischen Liturgiereform neu aufgenommene Lesung ist aus Jesaja 54:
5 Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, HERR der Heerscharen ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser, Gott der ganzen Erde wird er genannt.
6 Ja, der HERR hat dich gerufen als verlassene, bekümmerte Frau. Kann man denn die Frau seiner Jugend verstoßen?, spricht dein Gott.
7 Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen werde ich dich sammeln.
8 Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber in ewiger Huld habe ich mich deiner erbarmt, spricht dein Erlöser, der HERR.
9 Wie bei der Flut Noachs soll es für mich sein: So wie ich damals schwor, dass die Flut Noachs die Erde nie mehr überschwemmen wird, so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen und dich nie mehr zu schelten.
10 Mögen auch die Berge weichen und die Hügel wanken - meine Huld wird nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der HERR, der Erbarmen hat mit dir.
11 Ärmste, vom Sturm Gepeitschte, die ohne Trost ist: Siehe, ich selbst lege dir ein Fundament aus Malachit und Grundmauern aus Saphir.
12 Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, aus Beryll deine Tore und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen.
13 Alle deine Kinder sind Schüler des HERRN und groß ist der Friede deiner Kinder.
14 Du wirst auf Gerechtigkeit gegründet sein. Du bist fern von Bedrängnis, denn du brauchst dich nicht mehr zu fürchten und bist fern von Schrecken; er kommt an dich nicht heran.
Diese Lesung verwirrt mich, ehrlich gesagt, etwas. Zwar erkenne ich aus dem Hinweis in Vers 9, dass hier die Aussage, die früher mit der Lesung über die Sintflut transportiert wurde („so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen und dich nie mehr zu schelten“), in der Osternacht getätigt werden soll, ohne den modernen Menschen mit dem Gedanken an Gottes Gerechtigkeit mehr als der Feierlichkeit des Augenblicks angemessen zu belasten.

Dann aber frage ich mich, wer hier eigentlich angesprochen ist. Wenn wir wie üblich das AT im Lichte des neuen lesen und unter der Gemahlin des Herrn die Heilige Mutter Kirche auffassen, war sie hier kurz verlassen und verstoßen, wird aber jetzt mit großem Erbarmen wieder aufgenommen und als eine feste Stadt auf Gerechtigkeit gegründet, mit Edelsteinen wie das himmlische Jerusalem (Offb 21,18-21) geschmückt.
Inwiefern aber ist die Kirche von Gott verlassen? Die Tage der Grabesruhe können ja wohl kaum gemeint sein, und selbst nach der Himmelfahrt lässt uns der Herr als Waisen nicht (Joh 14,18).

Das ist ja gerade der Unterschied zum Alten Bund, bei dem Moses bei nahendem Tode die Schrecken eines Abfalls von Gott besingen musste, „denn ich kenne deine Widersetzlichkeit und deine Hartnäckigkeit. Seht, schon jetzt, wo ich noch unter euch lebe, habt ihr euch dem HERRN widersetzt. Was wird erst nach meinem Tod geschehen?“ (Dtn 31,27).

Vollends passt das nicht, wenn man den Antwortpsalm 30 dazunimmt:
2 Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren.
4 Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes, aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen.
5 Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen, preist seinen heiligen Namen!
6ab Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang.
6cd Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel.
12a Du hast mein Klagen in Tanzen gewandelt,
13b Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit. 
Denn hiernach wäre Jesus die verlassene Frau (wie in „Eli, Eli, lema sabachtani?“), die als feste Stadt verherrlicht wird. Oder – der Sünder, der durch Leiden, Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus zur Teilhabe an der Herrlichkeit gelangt?

Der Kontext Jes 52-54 ist der Auszug aus der Babylonischen Gefangenschaft, doch nicht heimlisch und hastig wie beim Passah zum Auszug aus Ägypten, im Gegenteil: „Doch zieht nicht aus in Hast, geht nicht fort in Eile“ (Jes 52,12). Das ist ein Erfolg des leidenden Gottesknechtes (Jes 52, 13 – Jes 53, 12). Danach kommt Jes 54,1-5 (Die Unfruchtbare hat mehr Kinder als die Vermählte; ihre Nachkommen werden Nationen beerben.) Das mündet in die vorliegende Lesung.

Ich nehme jetzt einfach hin, dass Aspekte mehrerer Lesungen, die in der Alten Ordnung in der Osternacht vorgetragen wurden und in der neuen weggefallen sind, in dieser Lesung alludiert werden, und dass die Botschaft ist: der Gottesknecht hat durch sein Leiden die Kirche auf den Weg des himmlischen Jerusalems gebracht, und ihre Kinder werden durch die Taufe zahlreich sein. [Wenn auch manches davon mehr im Kontext als in der Lesung vorkommt.]

[Das anschließende Gebet hilft übrigens nichts, denn es ist jenes vorgesehen, dass in alter Zeit nach der Lesung aus Jes 55 kam, während dafür neuerdings das in alter Zeit nach der Lesung aus Dan 3 gebete nach der Lesung aus Jes 55 genommen wird. Die Rubrik sieht zudem vor, dass auch ein „anderes von den Gebeten, die den Lesungen folgen, die vielleicht ausgelassen werden“ gehen würde. Ist also wohl nicht lesungsspezifisch.]

Wie man früher Osterfeuer und Weihrauchkörner segnete

Am Feuer angekommen (vgl. die Rubriken zum Anfang der Osternacht) legt der Priester gleich los:
Lasset uns beten
Dann spricht er nacheinander drei Gebete:
  1. O Gott, der durch deinen Sohn, das heißt den Eckstein, das Feuer deiner Herrlichkeit den Gläubigen verliehen hast: das Produkt aus dem Feuerstein, das uns zum Gebrauch nützlich sein wird, dieses neue Feuer heilige, und gewähre uns, durch dieses Osterfest so mit himmlischen Wünschen entzündet zu werden, dass wir mit reinem Geist bis zu den Festlichkeiten der beständigen Herrlichkeit reichen können.
  2. Herr Gott, allmächtiger Vater, nie verlöschendes Licht, der du der Schöpfer allen Lichtes bist: segne dieses Licht, das von dir geheiligt und gesegnet ist, der du den ganzen Erdkreis erleuchtet hat: das wir von diesem Licht entzündet und erleuchtet werden durch das Feuer deiner Herrlichkeit: und wie du den aus Ägypten ziehenden Moses erleuchtet hast, so mögest du erleuchten unsere Herzen und Sinne, dass wir zum ewigen Leben und Licht zu gelangen würdig werden.
  3. Heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott: während wird dieses Feuer segnen im Namen von dir, deinem einziggezeugten Sohn, unserem Herr und Gott Jesus Christus, und dem Heiligen Geist, wolle mitwirken, und hilf uns gegen die feurigen Geschosse des Feindes, und erleuchte uns mit himmlischer Gnade.
Dann segnet er fünf einzeln in ein besonderes Gefäß gelegte Weihrauchkörner, die später mit der Osterkerze vereint werden und die fünf Wunden Jesu symbolisieren. Sie werden mit einem Gebet, das wohl ursprünglich für die Osterkerze (hunc incensum – diese entzündete [sc. cereum – Kerze]) gedacht war und erst ab frühestens dem 12. Jhd. auf die Weihrauchkörner (hoc incensum – dieser Weihrauch) gemünzt wurde, insofern diese in die Osterkerze eingefügt werden, gesegnet:
Es komme, bitten wir, allmächtiger Gott, über diesen Weihrauch die reichliche Eingießung deines Segens: und diesen nächtlichen Glanz, unsichtbarer Erneuerer, entzünde; damit das Opfer, das in dieser Nacht glücklich dargebracht wurde, nicht allein durch die geheime Beimischung deines Lichtes zurückstrahle, sondern an jedwedem Ort, zu dem etwas vom Geheimnis seiner Heiligung gebracht wird, nachdem die Nichtsnutzigkeit der teuflichen List verbannt wurde, die Kraft deiner Majestät herantrete.
[Nebenbei bemerkt: haben diese letzten beiden Gebete gegen die feurigen Geschosse des Feindes und die teufliche List nicht etwas von Exorzismus? Wie das erst bei der Taufwasserweihe wird 😆😇]

Die Einfügung der Weihrauchkörner in die Kerze geschieht erst seit 1955 direkt im Anschluss; früher erledigte der Diakon das während des Exsultets, an der Stelle, die beginnt
In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater,
nimm an das Abendopfer unseres Lobes,
nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe!
Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet,
wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener.
Es fragt sich natürlich, warum die Wunden im verklärten Leib nicht verschwinden, sondern beibehalten und so auch an der Christus verkörpernden Osterkerze gezeigt werden. Dazu erklärt Johann Kutschker*
Es werden also fünf Weihrauchkörner geweiht, die dann in der Osterkerze, durch welche auf eine mystische Weise Christus bezeichnet ist, zu befestigen sind. Diese fünf Weihrauchkörner bedeuten die fünf Wunden des Heilandes, welche er aus mehreren Ursachen nicht vertilgen, sondern beibehalten wollte, und zwar a) zum Zeichen seines über den Tod errungenen Triumphes, indem er den Tod durch sein Sterben vernichtete und durch seine Auferstehung das Lebens uns brachte. So zeigen auch die tapfer kämpfenden Soldaten nach dem Siege freudig die Narben ihrer Wunden zum Zeichen des glorreichen Kampfes; b) um seine Jünger in dem Glauben an seine Auferstehung zu bekräftigen. Denn von dem h. Thomas lesen wir in der h. Schrift: Nisi videro in manibus ejus fixuram clavorum, non credam [Wenn ich nicht in seinen Händen die Male der Nägel sehen werde, werde ich nicht glauben.] und bald darauf: vidit et credidit [er sah und glaubte]. … Endlich auch zu dem Zwecke, damit die Wundenmale des Herrn für uns ein Sporn seyen zur Liebe und zur Treue gegen Jesus Christus, ein Zufluchtsort in Drangsalen, eine Schutzwehre in unseren Kämpfen, ein Ruheplatz nach unserer Arbeit, ein schattiger Ort in der Hitze, ein Trost in unsern Bedrängnissen. Auf daß aber Niemand sich fürchte, in diese heiligen Wundenmale einzugehen, so ladet uns Jesus selbst ein, in dieselben unsere Zuflucht zu nehmen. Denn cantic. 2 [Hoheslied Kapitel 2] lesen wir: Veni columba mea in foraminibus petrae, in caverna maceriae [Komm meine Taube in die Öffnungen des Felses, in die Höhlen der Lehmwand], über welche Worte der h. Bernhard schreibt: Et revera ubi tuta firmaque infirmis securitas et requies, nisi in vulneribus Salvatoris; tanto illic securior habito, quanto ille potentior ad salvandum [Und tatsächlich, wo (sind) geschützt und fest des Schwachen Sicherheit und Ruhe, wenn nicht in der Wunden des Heilands; ich wohne dort umso sicherer, desto mächtiger jener (ist) zum Retten] …“
Eine ausführlichere Darstellung dieser Betrachtung der Taube in der Felsenhöhle geschah hier.

* Johann Kutschker (1843) aus dem Buch „Die heiligen Gebräuche, welche in der katholischen Kirche (ritus latini) vom Sonntage Septuagesimä bis Ostern beobachtet werden“