Montag, 14. Oktober 2019

Ausführung des richtig Lebens verursachen

Das Fest des Papstes Callistus wird zwar nach wie vor am 14. Oktober begangen, hat aber eine ziemliche Reduktion erfahren, indem es nur noch das Tagesgebet besonders gibt, und im Deutschen Messbuch - naja.

Tagesgebet
Deus, qui beátum Callístum papam, ad Ecclésiæ servítium et pietátem erga christifidéles defunctós suscitásti, eius fídei testimónio, quǽsumus, nos róbora, ut a servitúte corruptiónis erépti, incorruptíbilem hereditátem cónsequi mereámur.
Übersetzung
Gott, der du den seligen Papst Callistus zur Kirchenknechtschaft und zum Pflichtgefühl gegen die verstorbenen* Christgläubigen ermuntert hast: durch sein Zeugnis des Glaubens, bitten wir, stärke uns, dass wir aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit herausgerissen zu werden und das unvergängliche Erbe zu erlangen verdienen.
* Papst Zephyrin machte ihn um 199 zum Diakon und übertrug ihm die Sorge für die christlichen Begräbnisstätten (Katakomben) an der Via Appia. (Schott Messbuch)

Das im Deutschen Messbuch vorfindliche Gebet hat nichts mit dem im Missale Romanum (3. Auflage von 2002) zu tun. Möglicherweise war in der ersten Auflage noch kein richtiges Gebet vorgesehen. Jedenfalls steht dort:
Gütiger Gott, erhöre unsere Gebete, die wir am Gedenktag des heiligen Märtyrerpapstes Kallistus vor dich bringen. Sieh auf sein heiliges Leben und Sterben und gewähre der Kirche allezeit deine Hilfe.
Das Gebet ist vollkommen eigenschaftslos, hat aber auch gar nicht mit dem Original oder dem Martyrer zu tun. Es entspricht auch keinem der zur Auswahl vorgesehenen Tagesgebete, die in den Commune-Texten, auf die für die anderen Eigengebete verwiesen wird, vorkommen.

Im alten Messbuch hatte Papst Callistus noch den vollen Satz an Eigengebeten, nämlich:

Oratio
Deus, qui nos conspicis ex nostra infirmitate deficere: ad amorem tuum nos misericorditer per Sanctorum tuorum exempla restaura.
Übersetzung
Gott, der du bemerkst, dass wir wegen unsere Schwäche erlahmen*: erneuere** uns barmherzig durch deiner Heiligen Beispiele zu deiner Liebe***.
* in Kirchenlatein: sündigen; aber die Grundbedeutung passt nett zur „Schwäche“.
** oder: stelle wieder her
*** Liebe zu Gott

Secreta
Mystica nobis, Domine, prosit oblatio: quae nos et a reatibus nostris expediat, et perpetua salvatione confirmet.
Übersetzung
Das mystische Opfer, Herr, nütze uns: welches uns sowohl von unseren Sünden befreien als auch in der ewigen Erlösung* festigen möge.
* Das Mariawalder Messbuch übersetzt hier: „durch dauernde Heilsgnade“, die gleiche Wendung in einem anderen Gebet „in ewigem Heile“

Postcommunio
Quaesumus, omnipotens Deus: ut reatus nostros munera sacrata purificent, et recte vivendi nobis operentur effectum.
Übersetzung
Wir bitten, allmächtiger Gott: dass die geheiligten Gaben unsere Sünden entsühnen und die Ausführung* des richtig Lebens uns verursachen*.
* eine Art Wortspiel, denn eine andere Übersetzung wäre: Wirkung bewirke.
Das Mariawalder Messbuch übersetzt freier: „als Frucht für uns einen guten Lebenswandel bewirken“

Sonntag, 13. Oktober 2019

deine Majestät flehen wir demütig an

Zum 28. Sonntag im Jahreskreis betet die Kirche:

Tagesgebet
Tua nos, quǽsumus, Dómine, grátia semper et prævéniat et sequátur, ac bonis opéribus iúgiter præstet esse inténtos.
Das Gebet war früher für den 16. Sonntag nach Pfingsten vorgesehen.

Übersetzung
Deine Gnade, bitten wir, Herr möge uns immer sowohl zuvorkommen* als auch folgen, und gewährleisten, dass wir zu guten Werken allzeit bereit sind.
* wie in: eine Abkürzung nehmen

Deutsches Messbuch
Herr, unser Gott, deine Gnade komme uns zuvor und begleite uns, damit wir dein Wort im Herzen bewahren und immer bereit sind, das Gute zu tun.
Vergleich
  • bitten wir, Herr ⇒ Herr, unser Gott
  • folgen ⇒ begleite
    Erstens falsche Vokabel, zweitens zerstört es das Bild der Vor- und Nachhut, welche die Gnade auf unserem Lebensweg bildet.
  • und gewährleisten ⇒ damit wir dein Wort im Herzen bewahren
    Waah? praestare hat zwei Bedeutungsrichtungen, weil es von zwei Wurzeln kommen kann: prae-stare (voran-stehen), also „übertreffen“ oder „vorsetzen“ (wie in: auftischen), oder praes+stare (als Bürge einstehen): gewähren, geben, verrichten, besonders in der Wendung fidem praestare = die Treue halten, sein Versprechen halten. Die Gnade behütet uns also nicht nur von vorne und von hinten, sondern 1) übertrifft alles und 2) steht bei uns (anders als der Lohnknecht, der die Schafe im Stich ließe) und 3) stellt sicher, dass wir zu guten Werken allzeit bereit sind.
Gabengebet
Súscipe, Dómine, fidélium preces cum oblatiónibus hostiárum, ut, per hæc piæ devotiónis offícia, ad cæléstem glóriam transeámus.
Dieses Gebet war früher anscheinend sehr beliebt und vorgesehen für: den Dienstag in der Osteroktav, den 5. Sonntag nach Ostern, in der Vigil zur Himmelfahrt.

Übersetzung
Nimm an, Herr, der Gläubigen Gebete mit den Opferungen der Opfergaben, damit wir, durch diese Dienste frommer Hingabe, zur himmlischen Herrlichkeit übergehen.
Deutsches Messbuch
Herr und Gott, nimm die Gebete und Opfergaben deiner Gläubigen an. Lass uns diese heilige Feier mit ganzer Hingabe begehen, damit wir einst das Leben in der Herrlichkeit des Himmels erlangen.
Vergleich
  • Herr ⇒ Herr und Gott
  • mit den Opferungen der Opfergaben ⇒ und Opfergaben
    Im Original ist vom Vorgang des Opferns, der die Gebete begleitet, die Rede, im DM von zwei Dingen (Gebeten, unabhängig davon: Gaben)
  • der Gläubigen ⇒ deiner Gläubigen
  • damit wir ⇒ lass uns
    Im Original ist das Übergehen eine Folge der erbetenen Annahme der Gebete und Opfer; im DM folgt eine zweite Bitte um die Art des Begehens, welches im Original als gegebenes Mittel vorausgesetzt wird.
  • durch diese Dienste frommer Hingabe ⇒ diese heilige Feier mit ganzer Hingabe begehen
    Die „ganze“ statt „frommer“ Hingabe mag ja noch als sinngemäße Variante gelten. „officium“ ist zwar auch „offizielle Zeremonie“; es klingt aber „Ehrenbezeigung“, „Pflichterfüllung“ und „Gehorsam“ mit, was in den „Diensten“ eher erhalten bleibt. Vorallem qualifiziert das Attribut „fromme Hingabe“ den Dienst – oder eben die „Pflichterfüllung“, da sich aus der frommen Hingabe die „Pflicht“ zur Danksagung (Eucharistie) ergibt. Im DM muss selbst um diese Einstellung erst noch gebeten werden.
  • zur himmlischen Herrlichkeit übergehen ⇒ einst das Leben in der Herrlichkeit des Himmels erlangen
    Wenn man „Herrlichkeit des Himmels“ für „himmlischer Herrlichkeit“ setzt, bleibt „einst das Leben erlangen“ für „übergehen“. Im Original ist der Überzeugung des „Ich werde nicht sterben, sondern leben“ (Ps 118, 17) Ausdruck gegeben, dass die Seele, wenn sie die körperliche Hülle abwirft, zum ewigen Leben übergeht (wobei die Schriften zum Transitus Mariae sogar den Übergang des Leibes in die himmlische Herrlichkeit beschreiben). Im DM ist von einem „einst“ die Rede, und von einem „erlangen“, als ob das irdische und himmlische Leben zwei getrennte Dinge seien.
Schlussgebet
Maiestátem tuam, Dómine, supplíciter deprecámur, ut, sicut nos Córporis et Sánguinis sacrosáncti pascis aliménto, ita divínæ natúræ fácias esse consórtes.
Das Gebet steht sowohl im Sacramentarium Leonianum als auch im S. Gelasianum.

Übersetzung
Deine Majestät, Herr, flehen wir demütig an, dass du uns, wie du uns mit der Nahrung des hochheiligen Leibes und Blutes gespeist hast, so zu Teilhabern der göttlichen Natur machen mögest.
Deutsches Messbuch
Allmächtiger Gott, in der heiligen Opferfeier deine Gläubigen mit dem Leib und dem Blut deines Sohnes. Gib uns durch dieses Sakrament auch Anteil am göttlichen Leben.
Vergleich
  • Herr ⇒ allmächtiger Gott
  • du hast mit der Nahrung gespeist ⇒ du nährst
    Das Original nutzt zwei Wörter: pascere (weiden, hüten, führen; hier also: speisen), um das Wirken Gottes zu charakterisieren, und alimentum (Nahrungsmittel), um das Empfangene näher zu beschreiben (wie in: „mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“, Joh 6, 55). Das DM mäht alles mit einem „nährt“ nieder und wechselt auch noch die Zeit.
  • uns ⇒ deine Gläubigen
  • des hochheiligen Leibes und Blutes ⇒ mit dem Leib und dem Blut deines Sohnes
    Der Zusatz „deines Sohnes“ wird für manche sehr wichtig sein, besonders wenn man nicht präsent hat, wessen Leib und Blut als Nahrung dient. Dass dafür „hochheilig“, welches das Verhältnis der Betenden zu Leib und Blut näher bestimmt, wegfällt, zeigt einen Mangel an Ehrfurcht im DM.
  • wie … so ⇒ in der heiligen Opferfeier … durch dieses Sakrament auch
    Da das DM den originalen Vergleich von der Speisung und zu Teilhabern machen aufgibt, muss es umständlich und wortreich einen Zusammenhang konstruieren.
  • deine Majestät flehen wir demütig an, dass du machen mögest ⇒ gib
    Es ist eine andere Religion.
  • zu Teilhabern der göttlichen Natur ⇒ Anteil am göttlichen Leben
    Die „Teilhaber der göttlichen Natur“ sind biblisch (2 Petr 1, 4) und haben den Kirchenvätern Anlaß zu tiefen Einsichten gegeben (s. hier). Das DM kappt alle Verbindungen zu Schrift und Tradition.

Samstag, 12. Oktober 2019

Innozenz III.: Mysterien der Eucharistie erklärt (8)

Am Altar angekommen, beginnt der Bischof die Messe.
[Fortsetzung von hier]

Stufengebet
„Weil der Gerechte im Anfang seiner Rede zum Ankläger seiner selbst wird, so bekennt der Pontifikant, wenn er zum Altare gelangt und sich in sich selbst versammelt, bevor er das heilige Amt beginnt, samt den Umstehenden seine Sünden und lässt jenen Psalm vorangehen, von welchem offen erkannt wird, dass er ganz auf ihn sich beziehen und von ihm angewendet werden müsse: ‚Richte mich Gott’* Hiermit soll er, geschieden von den Unheiligen und frei von dem sündigen Menschen, würdig den Altar des Herrn betreten. In Bezug auf dieses Bekenntnis ist aber zu bemerken, dass die Sünden nicht (wie unvorsichtigerweise einige tun) im einzelnen, sondern im allgemeinen bekannt werden sollen, weil dies nicht eine geheime, sondern eine offene Beichte ist. Indem wir aber die Sünde bekennen, schlagen wir an die Brust, damit wir - nach dem Vorbilde jenes Zöllners, der an seine Brust schlug und sagte: ‚Herr! sei mir Sünder gnädig’** - gerechtfertigt in das Haus des Herrn eintreten. Bei dem Schlag vereinigt sich dreierlei: der Schlag, der Schall, die Berührung. Dadurch werden jene drei zur wahren Büße erforderlichen Dinge bezeichnet: die Zerknirschung des Herzens, das Bekenntnis des Mundes, das Gutmachen durch die Tat. Denn wie wir in dreifacher Weise sündigen: mit dem Herzen durch Gedanken, mit dem Mund durch Worten, mit der Tat im Begehen, so müssen wir auch in dreifacher Weise Buße tun: im Herzen durch Schmerz, mit dem Munde durch Beschämung und in der Tat durch Anstrengung.“
* Ps 43; mehr Details zu diesem Teil des alten Ritus’
** Lk 18, 13

Altarinzenz
„Indem der Bischof den Altar betreten will, wirft er Weihrauch in das Rauchfaß, und zeigt damit an: ‚dass der Engel gekommen sei und vor den Altar sich gestellt habe, ein goldenes Weihrauchfaß in der Hand haltend, welches er vom Feuer des Altars füllte; es es wurde ihm viel Weihrauch geboten, dass er ihn gäbe von den Gebeten der Heiligen.’* Der Engel ist Christus, das goldene Weihrauchfaß sein unbefleckter Leib, der Altar die Kirche, das Feuer die Liebe, der Weihrauch das Gebet, gemäß dem Prophetenwort: ‚Mein Gebet walle auf, wie der Weihrauch vor deinem Angesicht.’** Es kam also der Engel, das ist Christus, und stellte sich an den Altar, d.h. angesichts der Kirche, und hatte ein goldenes Rauchfaß, nämlich seinen unbefleckten Leib, mit Feuer, d.h. Liebe, angefüllt; und viel Weihrauch wurde ihm gegeben von den Gläubigen, nämlich Gebete, dass er sie gäbe, vielmehr darböte, dem Vater von den Gebeten der Heiligen. Es heißt bloß Gebete [und nicht: alle Gebete], weil Christus nicht alle Gebete erhört, sondern jene, welche auf das Heil abzielen. Als daher Paulus den Herrn dreimal angefleht hatte, dass er den Stachel des Fleisches von ihm nehmen möge, antwortete ihm der Herr: ‚Meine Gnade möge dir genügen.’*** Denn die Tugend wird in der Schwachheit vollkommen.
Der Bischof legt also Weihrauch in das Rauchfaß, weil Christus dem Gemüte die Gebete einhaucht, damit durch Ihn Selbst ein würdiger Wohlgeruch dargeboten werde in lieblichem Duft. Er Selbst kommt uns entgegen in dem Segen der Süßigkeit, dass Sein Geschenk zum eigenen Verdienst werde, weil Er nicht empfängt, als was Er zuvor gegeben hat. ‚Ohne Mich’, sagt er, ‚könnt ihr nichts tun; weil die Ranke keine Frucht aus sich selbst tragen kann, es sei denn, dass sie am Weinstock bleibe.’**** Der Priester aber bietet dem Bischof den Weihrauch an, weil das Gesetz [für das der Priester steht, s. https://friedlon.blogspot.com/2019/09/innozenz-iii-mysterien-der-eucharistie_27.html] jenen kostbaren Wohlgeruch bereitet, der zu lieblichem Duft dem Allerhöchsten dargeboten wird, wovon im Buche Exodus der Herr zu vernehmen gibt: ‚Solche Mischung sollt ihr nicht bereiten zu eurem eigenen Gebrauch, denn sie soll heilig sein dem Herrn. Der Mann also, der eine ähnliche bereiten würde, dass er ihres Duftes genösse, soll umkommen unter seinem Volk.’ *5 Es hat solche gegeben, welche den Satz aufstellten: wenn das Rauchfaß vom Altar herabgetragen werde, müsse man anderen Weihrauch ohne Segen in dasselbe werfen, und solchen den Menschen darbieten, weil jenes zum Gottesdienst, dieses zur Ehrenbezeugung gehöre. Es ist aber besser, die Stellen nach dem Geist als nach dem Buchstaben auszulegen. Denn ‚der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.’*6“
* Offb 8, 3-5
** Ps 141, 2
*** 2 Kor 12, 7-9
**** Joh 15, 4f.
*5 Ex 30, 37f.
*6 2 Kor 3, 6

„Wie an dem Weihrauchfass der untere und der obere Teil durch drei Kettchen vereinigt ist, so besteht in Christo eine dreifache Einigung, wodurch Gottheit und Menschheit verbunden werden. Die Einigung des Fleisches mit der Seele, die Einigung der Gottheit mit dem Fleisch, und die Einigung der Gottheit mit der Seele. Einige nehmen noch eine vierte Einigung an, nämlich des göttlichen Wesens mit dem aus Seele und Leib bestehenden Verbundenen. Denn das Rauchfass hat wohl auch vier Kettchen. Von diesem Rauchfass insbesondere sagt Moses zu Aaron: ‚Hebe das Rauchfass, und hast du Feuer vom Altar genommen, so lege den Weihrauch hinein.’* Außer dem mystischen Grund wird der Altar auch deswegen noch beräuchert, damit wir hierdurch alle böse Luft des Teufels verscheuchen; denn es wird geglaubt, der Dampf des Weihrauchs habe Kraft, die Teufel zu verjagen. Als daher Tobias den Engel gefragt hatte, was dasjenige, was er auf sein Geheiß von dem Fisch aufbewahren solle, wirken könne, erhielt er zur Antwort: ‚Wenn du ein Stücken seines Herzens auf glühende Kohlen legst, wird dessen Rauch alle Arten Dämonen vertreiben.’**“
* Num 17, 11
** Tob 6, 8 [bzw. nach anderer Verszählung Tob 6, 9]

Introitus
„Inzwischen stimmt der Chor zum Eingang die Antiphon an, die er mit eingelegtem Lobwort auf die Dreieinigkeit wiederholt. Wie der Auftritt des Priesters auf den Altar die Ankunft Christi bezeichnet, so bezeichnet die Antiphon, welche zu demselben gesungen wird, das Sehnen nach dieser Ankunft; worüber zu den Aposteln der Herr sagt: ‚Viele Könige und Propheten hätten gerne gesehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen; und gerne gehört, was ihr höret, und haben es nicht gehört.’* Der Chor aber erweitert sein Herz und singt frohlockend den Eingang [Introitus]; weil Propheten, Patriarchen, Könige und Priester und alle Gläubigen der Ankunft Christi mit großem Sehnen harrten und riefen und flehten: ‚Sende, Herr! das Lamm, den Beherrscher der Erde, vom Felsen der Wüste zum Berge der Tochter Sion! Komm, o Herr, säume nicht, zu erleichtern die Bürde Deines Volkes Israel!’** Darum pries der greise Simeon, jener Gerechte, Gott und sagte: ‚Nun wollest Du Deinen Diener in Frieden entlassen, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.’*** Im Namen derjenigen wird der Eingang gesungen, durch welche Christus der Welt angekündigt worden ist, nach des Apostels Wort: ‚und als Er den Eingebornen auf den Erdkreis einführte, sagte Er: Ihn sollen alle Engel anbeten.’**** Die Wiederholung der Antiphon bedeutet die öftere Wiederholung des Rufens. Daher der Prophet sagt: ‚Heische, heische wieder, harre, harre wieder, ein wenig hier, ein wenig dort; wenn Er sich verspäten sollte, so erwarte Ihn, denn allernächstens wird Er kommen und nicht säumen.’*5 Das Zwischeneinlegen des Lobwortes bezeichnet das Gewinnen seines Wohlwollens. Denn um das, was sie erwarteten, sicherer zu erlangen, riefen sie lobpreisend zu der gesamten Dreifaltigkeit: ‚Zeige uns, Herr, Deine Barmherzigkeit, und gib uns Deinen Heiland. Der Du sitzest über den Cherubim, erscheine vor Ephraim, Benjamin und Manasse“’*6 Deren Rufen endlich der heilige Geist erhörte, ‚indem Er Ihn salbte mit der Öl der Freuden vor seinen Genossen, und Ihn bestimmte, das Evangelium den Armen zu predigen;’*7 wie der Menschensohn durch den Propheten Selbst bezeugt: ‚Der Geist des Herrn ist über Mir, darum hat Er Mich gesalbt, und hat Mich gesandt, den Armen das Evangelium zu predigen.’*8 Dieses Sehnen der Vorväter bezeichnet der Eingang [Introitus] nicht dem Wortsinne nach, sondern in dem Jauchzen des Gesanges.
Papst Cölestin [†432] ordnete, dass vor dem Opfer der 150ste Psalm Davids in Wechselstimmen von allen sollte gesungen werden, was vorher nicht geschah, indem bloß die Epistel und das Evangelium gelesen wurden. Aus den Psalmen sind ausgehoben der Eingang, das Stufengebet*9 und das Gebet bei der Darbringung [Antiphon ad Offertorium], auch bei der Kommunion, welche bei der Messe in Melodien zu singen die römische Kirche anfing.
Antiphon heißt auf Griechischen ‚die erwiederte Stimme’, weil antwortende Chöre wechselweise die Melodien singen.“
* Lk 10, 24
** Der erste Satz entspricht der Vulgata-Übersetzung von Jes 16, 1; der zweite ist aus dem Graduale des vierten Adventssonntages (Veni, Domine, et noli tardare: relaxa facinora plebis tuae Israel)
*** Lk 2, 29f.
**** Hebr 1, 6
*5 Jes 28, 10 plus Hab 2, 3
* 6 Ps 85, 8 plus Ps 80, 2f.
*7 Ps 45, 8 plus Jes 61, 1
*8 Lk 4, 18
*9 Details s. hier

Fortsetzung hier 

Freitag, 11. Oktober 2019

den die ganze Welt nicht faßt, schloss sich in deinem Leibe ein

Die Mutterschaft der seligen Jungfrau Maria wurde nach dem alten Kalender am 11. Oktober gefeiert; heutzutage muss der 1. Januar als ehemaliger Oktavtag von Weihnachten dafür herhalten.

Über die Mutterschaft Mariens lehrt das zweite Vatikanische Konzil in Lumen Gentium:
62. Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich fort, von der Zustimmung an, die sie bei der Verkündigung gläubig gab und unter dem Kreuz ohne Zögern festhielt, bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten. In den Himmel aufgenommen, hat sie diesen heilbringenden Auftrag nicht aufgegeben, sondern fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken […]
63. Die selige Jungfrau ist aber durch das Geschenk und die Aufgabe der göttlichen Mutterschaft, durch die sie mit ihrem Sohn und Erlöser vereint ist, und durch ihre einzigartigen Gnaden und Gaben auch mit der Kirche auf das innigste verbunden. Die Gottesmutter ist, wie schon der heilige Ambrosius lehrte, der Typus der Kirche unter der Rücksicht des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus. Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter und Jungfrau genannt wird, ist die selige Jungfrau Maria vorangegangen, da sie in hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der Mutter darstellt. Im Glauben und Gehorsam gebar sie den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet, als neue Eva, die nicht der alten Schlange, sondern dem Boten Gottes einen von keinem Zweifel verfälschten Glauben schenkte. […]
Bei dieser Gelegenheit betete die Kirche:

Oratio
Deus, qui de beatae Mariae Virginis utero Verbum tuum, Angelo nuntiante, carnem suscipere voluisti: praesta supplicibus tuis; ut, qui vere eam Genetricem Dei credimus, eius apud te intercessionibus adiuvemur.
Übersetzung
Gott, der du aus der seligen Jungfrau Mariens Gebärmutter dein Wort, während der Engel verkündigt, Fleisch anzunehmen bestimmt hast, gewähre deinen Demütigen, dass die wir glauben, dass sie wahrhaft Gottesgebärerin ist, durch ihre Vermittlung bei dir Hilfe erfahren.
Die Lesung zum Fest ist Eccli 24, 23-31 [in der Einheitsübersetzung Sir 24, 17-22], allerdings weicht der Vulgata-Text im Messbuch von der exakten Übersetzung des griechischen Originals ab, daher hier beide:

Wie ein Weinstock ließ ich Anmut [Süße des Duftes] sprießen, meine Blüten sind Frucht von Herrlichkeit und Reichtum [Ehre und Ehrbarkeit]. Ich bin die Mutter der schönen Liebe und der Furcht, der Erkenntnis und der heiligen Hoffnung; doch ich werde mit allen meinen Kindern für immer gegeben nach seinem Wort. [In mir ist die Gnade jeden Weges und der Wahrheit, in mir alle Hoffnung des Lebens und der Tugend] Kommt zu mir, die ihr mich begehrt, und ihr sättigt euch an meinen Früchten! Denn die Erinnerung an mich [mein Geist] ist süßer als Honig und mein Erbteil besser als eine Honigwabe. [Mein Andenken reicht bis zu den fernsten Geschlechtern.] Die mich essen, werden weiterhin hungern, die mich trinken, werden weiterhin durstig sein*. Wer mir gehorcht, wird nicht beschämt, und die sich um mich mühen, werden nicht sündigen. [Die mich ans Licht heben, haben ewiges Leben.]

* Im biblischen Zusammenhang ist dies ein Text über die Weisheit; wer Weisheit kostet, verlangt nach mehr.

Alleluia, alleluia. V. Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit orbis, in tua se clausit viscera factus homo. Alleluia
Halleluja, halleluja. Jungfrau Gottesgebärerin, den die ganze Welt nicht faßt, schloss sich in deinem Leibe ein und wurde Mensch*.
* eigentlich: Mensch geworden; hier wegen des Metrums umformuliert.

Secreta
Tua, Domine, propitiatione, et beatae Marias semper Virginis, Unigeniti tui Matris, intercessione, ad perpetuam atque praesentem haec oblatio nobis proficiat prosperitatem et pacem.
Übersetzung
Durch deine Huld und die Vermittlung der seligen allzeit jungfräulichen Maria, deines Einziggezeugten Mutter, nütze dieses Opfer uns zu ewigem und gegenwärtigen Wohlergehen und Frieden.
Antiphona ad Communionem
Beata viscera Marias Virginis, quae portaverunt aeterni Patris Filium.
Selig der Mutterleib der Jungfrau Maria, der trug des ewigen Vaters Sohn.

Postcommunio
Haec nos communio, Domine, purget a crimine: et, intercedente beata Virgine Dei Genetrice Maria, caelestis remedii faciat esse consortes.
Übersetzung
Diese Vereinigung [Kommunion] möge uns, Herr, reinigen von Schuld, und während die selige Jungfrau Gottesgebärerin Maria vermittelt, uns zu Teilhabern des himmlischen Lohnes machen.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

wahrer Demut Beispiel und Lohn

Nach dem alten Kalender feierte die Kirche am 10. Oktober der Heiligen Franz von Borgia und Aragon. Nach dem neuen Kalender wäre sein Gedenktag am 30. September (seinem Todestag); dazu finde ich aber nichts im Messbuch.

Franziskus war Urenkel von Papst Alexander VI. und von König Ferdinand II. von Aragón. Er war Vizekönig von Katalonien, Herzog von Gandía und hatte Frau und acht Kinder. Nach dem Tod seiner Frau wurde er Priester und später zum dritten General des Jesuitenordens berufen.

Seinerzeit betete man zu diesem Anlass:

Oratio
Domine Iesu Christe, verae humilitatis et exemplar et praemium: quaesumus; ut, sicut beatum Franciscum in terreni honoris contemptu imitatorem tui gloriosum effecisti, ita nos eiusdem imitationis et gloriae tribuas esse consortes.
Übersetzung
Herr Jesus Christus, wahrer Demut Beispiel und Lohn: wir bitten dich, dass, wie du den seligen Franz in der irdischen Ehren Verachtung zum ruhmreichen Nachahmer deiner [selbst] gemacht hast, so gewähre uns Gefährten dessen Nachahmung und Herrlichkeit zu sein.
[Wir mögen also in diesem Leben wie der Heilige Christus nachahmen und im nächsten wie der Heilige zur Herrlichkeit gelangen.]

Und aus den Gemeingebeten für Ordensobere (Äbte):

Secreta
Sacris altaribus, Domine, hostias superpositas sanctus Franciscus, quaesumus, in salutem nobis provenire deposcat.
Übersetzung
Die auf die geweihten Altäre, Herr, gelegten Gaben möge der Heilige Franz, bitten wir, uns zum Heil zu gereichen erbitten.
[Der Heilige Franz möge erbitten, dass die auf die geweihten Altäre gelegten Opfergaben uns zum Heil gereichen.]

Postcommunio
Protegat nos, Domine, cum tui perceptione sacramenti beatus Franciscus, pro nobis intercedendo: ut et conversationis eius experiamur insignia, et intercessionis percipiamus suffragia.
Übersetzung
Schützen möge uns, Herr, [zugleich] mit dem Erfassen deines Sakraments der selige Franz durch Vermitteln für uns, damit wir sowohl die Auszeichnungen seines Lebenswandels kennenlernen* als auch die Hilfsmittel seiner Vermittlung erfassen.
* Marienwalder Messbuch: „Tugenden seines Lebens nachahmen“; ich hätte das jetzt „seinen Lebenswandel erinnernd betrachtend“ wie bei anderen Heiligenfestgebeten verstanden.

Das Gebet scheint mir unelegant, denn es verwendet die gleiche Vokabel für den Empfang des Sakraments und den Erhalt der Hilfsmittel der Fürsprache. Auch das Vermitteln ist doppelt.