Freitag, 19. April 2019

Schnee auf dem Kreuzweg

Für die Osternacht in der gegenwärtigen Form sind zwei Lesungen aus dem Propheten Jesaja vorgesehen; die aus dem 55. Kapitel gab es auch schon im Tridentinischen Missale, dort allerdings schon mit dem letzten Vers von Kapitel 54 beginnend.
Der Text nach der EÜ2016 lautet:
Jes 54,17: Keine Waffe wird etwas ausrichten, die man gegen dich schmiedet; jede Zunge, die dich vor Gericht verklagt, wirst du schuldig sprechen. Das ist das Erbteil der Knechte des HERRN: Von mir kommt ihre Gerechtigkeit - Spruch des HERRN.
Jes 55,1 Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch!
2 Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen!
3 Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben! Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: Die Erweise der Huld für David sind beständig.
4 Siehe, ich habe ihn zum Zeugen für die Völker gemacht, zum Fürsten und Gebieter der Nationen.
5 Siehe, eine Nation, die du nicht kennst, wirst du rufen und eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir, um des HERRN, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.
6 Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!
7 Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum HERRN, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
8 Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des HERRN.
9 So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.
10 Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,
11 so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.
Zunächst irritierend ist der Wechsel zwischen Prophetenrede und Gottesrede. (Eine Handreichung des Bibelwerks schlägt vor, die Lesung von zwei Lektoren vortragen zu lassen und zuvor zu erläutern, das einer den Propheten und der andere Gottessprüche vorträgt - *Grusel*)

Die Lesung scheint sich direkt mit dem Ärgernis des Kreuzes zu beschäftigen, was weniger deutlich wird, seit der erste Vers (54,17, darin: „jede Zunge, die dich vor Gericht verklagt, wirst du schuldig sprechen“) weggelassen wird, denn der sagt gerade aus: obwohl man gegen dich kämpft und klagt, wird der Ankläger selbst verurteilt, denn „das ist das Erbteil der Knechte des HERRN: Von mir [dem Herrn] kommt ihre Gerechtigkeit“, und der Richter ist der vormals Angeklagte selbst. Wie würde man in weniger Worten das Ergebnis von Kreuz und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus beschreiben?!

Die ersten Verse von Kapitel 55 führen im Grunde aus, was in Deut 8,3 gesagt ist:
Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten.
Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht.“
Das Wesentliche sind nicht weltliche Güter, die der Mensch sich erarbeiten kann, sondern die himmlischen, die er von Gott geschenkt bekommt, wenn er auf ihn hören will. (Hier klingt auch wieder das Thema von selbsterarbeiteter Gerechtigkeit gegen Rechtfertigung aus Gnade an, wie gehabt.)
[Und durch die Anspielung auf dieses Zitat wird das "nicht kennen" von Vers 5 vorbereitet.]

Der Bund des Herrn mit David, dass sein Nachkomme auf seinem Thron sitzen wird (oder in den Worten des Psalms 89:
4 Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David, meinem Knecht, geschworen:
5 Auf ewig gebe ich deinem Haus festen Bestand und von Geschlecht zu Geschlecht gründe ich deinen Thron.)
ist beständig: Jesus, der Nachkomme Davids, gekreuzigt und auferstanden, herrscht.

Es ist unklar, wer in Vers 4 der „Zeuge und Herrscher der Völkerschaften“ ist: David oder doch eher der Nachkomme. Vers 5 klärt: "Fremde Völker eilen zu dir, weil Gott dich verherrlicht hat." Und verherrlicht ist der Auferstandene. Bezüglich der fremden Völker hatte der Herr selbst angekündigt: "Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen". (Joh 12,32)

Verse 6-7 sind eine direkte Folge der Erlösung: es ist ein neues Chancen-Fenster (window of opportunity, wie wir neudeutsch sagen) geschaffen, uns mit dem Herrn versöhnen zu lassen. (Erkennt man besser in einer originalnäheren Übersetzung: 6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.) Wobei die zeitliche Begrenzung wohl nicht im Herrn liegt, sondern in unserer Sterblichkeit …

Der letzte Abschnitt (Verse 8-11) erläutert das Skandalon des Kreuzes, dass den Jüngern in Folge des Karfreitags so viel Kopfzerbrechen bereitete, das auch das leere Grab nur schlimmer machen konnte. Den Tod als Weg zum Leben zu begreifen bedarf durchaus des Beistandes des Heiligen Geistes, obwohl schon hier Jesaja sagt: „eure Wege sind nicht meine Wege“, und gegen das scheinbare Versagen Jesu in der Sinnlosigkeit des Kreuzes: "Mein Wort erreicht, wozu ich es ausgesandt habe".

Die Oratio von 1570 nimmt das Osterthema des durch die Taufe erweiterten Gottesvolkes anlässlich des Verses „eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir“ auf, und bestätigt die Erfüllung der Verheißungen Gottes in seinem Sohn.

Die Kirche betet:
Omnipotens sempiterne Deus, multiplica in honorem nominis tui, quod patrum fidei spopondisti: et promissionis filios sacra adoptione dilata; ut, quod priores sancti non dubitaverunt futurum, Ecclesia tua magna iam ex parte cognoscat impletum
Allmächtiger ewiger Gott, vermehre zur Ehre deines Namens, was du dem Glauben der Väter versprochen hat, und erweitere die Söhne der Verheißung durch die heilige Anwahl*, damit deine Kirche erkenne, dass das, was die früheren Heiligen geschehen zu werden nicht bezweifelt haben, zum großen Teil schon erfüllt ist.
[*Anwahl ist jetzt ein Stück-für-Stück Neologismus für Ad-option oder Annahme an Kindes Statt]

Die im Messbuch von 2002 nach dieser Lesung vorgesehene Oratio war 1570 nach der 12. Lesung aus Dan 3, 1-24 vorgesehen, wird also kaum spezifisch für den Jesaja-Text sein:
Omnípotens sempitérne Deus, spes única mundi, qui prophetárum tuórum præcónio præséntium témporum declarásti mystéria, auge pópuli tui vota placátus, quia in nullo fidélium nisi ex tua inspiratióne provéniunt quarúmlibet increménta virtútum.
Allmächtiger, ewiger Gott, einzige Hoffnung der Welt, der du durch die Verkündigung deiner Propheten die Geheimnisse der gegenwärtigen Zeiten erklärt hast, fördere versöhnt deines Volkes Gebete, da in keinem der Gläubigen, wenn nicht aus deiner Eingebung, Zuwächse irgendwelcher Tugenden entstehen

Donnerstag, 18. April 2019

Weisheit gestern und heute

Die Lesung aus dem Propheten Baruch ist im alten Missale (Bar 3, 9-38) zwar aufgrund prophetischer Weitschweifigkeit lang, inhaltlich aber gut auf den Punkt zu bringen. Im aktuellen Messbuch zerfällt sie in zwei Teile (Bar 3,9-15 und 3,31-4,4), wobei der Mittelteil ausgeschnitten wurde und vier Verse aus Kapitel 4 angehängt sind.

Bar 3
Verse 9-15: Israel leidet Strafe, weil es „den Quell der Weisheit verlassen“ hat und nicht „auf Gottes Weg gegangen“ ist, der „Frieden für immer“ garantiert hätte. Nun muss es lernen „wo die Einsicht ist“. Aber: „Wer hat je ihren Ort gefunden?“

Verse 16-21: In Naturwissenschaft und Technik ist keine Weisheit zu finden.
Verse 22-23: In Weltgewandtheit, Ökonomie, allerlei Fertigkeiten führen nicht zu Weisheit.
Verse 23-28: Körperliche Vorzüge und Kriegserfolge führen nicht zur Erwählung durch Gott (wegen Torheit)
Verse 29-30: Suchte man in fernen Gegenden und brächte viel Geld: man findet keine Weisheit.

Zwischenfazit
31 Keiner weiß ihren Weg, niemand kennt ihren Pfad.
Verse 32-36: Lob auf Gott, bei dem Weisheit und Einsicht sind.

Kernstelle
37 Er hat den Weg der Erkenntnis ganz erkundet und hat sie Jakob, seinem Diener, verliehen, Israel, seinem Liebling.
38 Dann erschien sie auf der Erde und lebte mit den Menschen.
Bar 4, 1-4: Die Weisheit besteht im Gesetz Gottes, das Leben bringt. Seligpreisung Israel für die Kenntnis des Gesetzes und Manung, zur Weisung Gottes umzukehren.
Der blaue Teil ist im aktuellen Messbuch nicht enthalten, dafür ist der grüne ergänzt.

Fußnote zu Bar 3,38
Dieser Vers wurde in der Auslegungsgeschichte auf die Menschwerdung Christi bezogen.
Die Schnell&Einfach-Deutung:
Die Weisheit Gottes wurde dem Auserwählten Volk vorläufig im Gesetz und dem erweiterten Volk Gottes endgültig in Christus offenbart.

Man könnte sagen: so wie die Deut-31-Lesung den Unterschied zwischen Gesetz und Gnade, zwischen Mose (im Begriff zu sterben, sorgt sich um das verlassene Volk) und Christus (stirbt, verlässt seine Jünger aber nicht) betont, so weist Baruch hier auf den gemeinsamen Grund, die Quelle der Weisheit, hin.

Leider findet der Inhalt der Lesung wenig Widerhall in den nachfolgenden Gebeten.

Oratio an Ostern (Messbuch 1570 und 2002)
Deus, qui Ecclesiam tuam semper gentium vocatione multiplicas: concede propitius; ut, quos aqua baptismatis abluis, continua protectione tuearis
Gott, der du deine Kirche durch Berufung der Völker vergrößerst: gewähre gnädig, dass die, welche du durch das Wasser der Taufe reinigst, durch deinen beständigen Schutz bewahrt werden.
Sehr allgemeines Gebet, dass jeden Tag stehen könnte; allein die Erwähnung der Taufe stellt einen Bezug zur Osternacht her. In der „Berufung der Völker“ klingt die Gen-22-Lesung an.

Oratio zu Pfingsten (Messbuch 1570)
Deus, qui nobis per Prophetarum ora praecipisti temporalia relinquere, atque ad aeterna festinare: da famulis tuis; ut, quae a te iussa cognovimus, implere caelesti inspiratione valeamus
Gott, der du uns durch die Münder der Propheten vorgeschrieben hast, die zeitlichen [Güter] zu verlassen und zu den ewigen zu eilen: gib deinen Dienern, dass welche wir als von dir befohlen erkennen, wir durch himmlische Eingebung zu erfüllen vermögen.
Immerhin ein Bezug zu den Geboten („welche wir als von dir befohlen erkennen“) und die Bitte um die Hilfe des Heiligen Geistes bei der Umsetzung („durch himmlische Eingebung zu erfüllen“) – passt ja gut zu Pfingsten. Vielleicht hat die Lesung da ihren eigentlichen Platz.

Das Lied vom demütigenden Strafgericht

Die Lesung aus Deut 31 ähnelt der aus Jes 4 insofern, als sie seit spätestens 1570 für Oster- und Pfingstvigil vorgesehen war, sich 1955 als eine von nur vier Lesungen in der Osternacht hielt und 1970 komplett aus dem Lektionar verschwand.

Worum geht es?
Vorgeschichte in Deut 31
10 In jedem siebten Jahr, in einer der Festzeiten des Brachjahres, beim Laubhüttenfest,
11 wenn ganz Israel zusammenkommt, um an der Stätte, die der HERR erwählen wird, vor dem Angesicht des HERRN, deines Gottes, zu erscheinen, sollst du diese Weisung vor ganz Israel laut vortragen.
14 Der HERR sagte zu Mose: Sieh, deine Zeit ist gekommen: Du wirst sterben.
16 Und der HERR sagte zu Mose: Sieh, du wirst jetzt bald zu deinen Vätern gebettet werden. Dann wird dieses Volk sich erheben … und meinen Bund brechen
19 Doch jetzt schreibt dieses Lied auf! Lehre es die Israeliten! Lass es sie auswendig lernen, damit dieses Lied mein Zeuge gegen die Israeliten werde!
Lesung
22 An jenem Tag schrieb Mose dieses Lied auf und lehrte es die Israeliten.
23 Der HERR aber beauftragte Josua, den Sohn Nuns, und sagte: Empfange Vollmacht und Kraft: Du sollst die Israeliten in das Land führen, das ich ihnen mit einem Schwur versprochen habe. Ich werde bei dir sein.
24 Als Mose damit zu Ende war, den Text dieser Weisung in eine Urkunde einzutragen, ohne irgendetwas auszulassen,
25 befahl Mose den Leviten, die die Lade des Bundes des HERRN trugen:
26 Nehmt diese Urkunde der Weisung entgegen und legt sie neben die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes! Dort diene sie als Zeuge gegen dich.
27 Denn ich kenne deine Widersetzlichkeit und deine Hartnäckigkeit. Seht, schon jetzt, wo ich noch unter euch lebe, habt ihr euch dem HERRN widersetzt. Was wird erst nach meinem Tod geschehen?
28 Versammelt um mich alle Ältesten eurer Stämme und alle eure Listenführer, damit ich ihnen diesen Text vortragen und Himmel und Erde gegen sie als Zeugen anrufen kann!
29 Denn ich weiß: Nach meinem Tod werdet ihr ins Verderben laufen und von dem Weg abweichen, auf den ich euch verpflichtet habe. Dann, in künftigen Tagen, wird euch die Not begegnen, weil ihr tut, was in den Augen des HERRN böse ist, und weil ihr ihn durch euer Machwerk erzürnt.
30 Und Mose trug der vollzähligen Versammlung Israels den Wortlaut dieses Liedes vor, ohne irgendetwas auszulassen.
In dieser Perikope ist im Prinzip begründet, was der Apostel Paulus nicht müde wurde auszuführen:
Röm 2,12:
„die unter dem Gesetz sündigten, werden durch das Gesetz gerichtet werden“
Röm 3,20:
„Denn aus Werken des Gesetzes wird niemand vor ihm gerecht werden; denn durch das Gesetz kommt es nur zur Erkenntnis der Sünde.“
oder passend zur Lesung aus Gen 22  in Röm 4,13-16:
Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht aufgrund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit. Wenn nämlich jene Erben sind, die aus dem Gesetz leben, dann ist der Glaube entleert und die Verheißung außer Kraft gesetzt. Denn das Gesetz bewirkt Zorn; wo aber kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung. Deshalb gilt: aus Glauben, damit auch gilt: aus Gnade. Nur so bleibt die Verheißung für die ganze Nachkommenschaft gültig, nicht nur für die, welche aus dem Gesetz, sondern auch für die, welche aus dem Glauben Abrahams leben. Er ist unser aller Vater.
Oder in den wohlbekannten Worten des Johannes-Prologs Joh 1,16f.:
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Nach der Lesung folgt als Tractus der Beginn des Liedes aus Deut 32:
1 Hört zu, ihr Himmel, ich will reden, die Erde lausche meinen Worten.
2 Meine Lehre wird strömen wie Regen, meine Botschaft wird fallen wie Tau, wie Regentropfen auf das Gras und wie Tauperlen auf die Pflanzen.
3 Ich will den Namen des HERRN verkünden. Preist die Größe unseres Gottes!
4 Er heißt: Der Fels. Vollkommen ist, was er tut; denn alle seine Wege sind recht. Er ist ein unbeirrbar treuer Gott, er ist gerecht und gerade.
Die „Geradeheit“ der Gebote Gottes wurde der Verdrehtheit des menschlichen Willens, der durch den Gehorsam (letztendlich den Gehorsam Jesu in der Passion, vorgebildet in dem Gehorsam Abrahams) gebrochen werden muss, bereits entgegengesetzt, wie es denn auch gleich in Deut 32,5 weitergeht:
Ein falsches, verdrehtes Geschlecht fiel von ihm ab, Verkrüppelte, die nicht mehr seine Söhne sind.
Wie antwortet die betende Kirche?

Oratio der Osternacht
Deus, celsitudo humilium et fortitudo rectorum, qui per sanctum Moysen puerum tuum ita erudire populum tuum sacri carminis tui decantatione voluisti, ut illa legis iteratio fieret etiam nostra directio: excita in omnem iustificatarum gentium plenitudinem potentiam tuam, et da laetitiam, mitigando terrorem; ut omnium peccatis tua remissione deletis, quod denuntiatum est in ultionem, transeat in salutem
Gott, du Hoheit der Niedrigen und Stärke der Geraden, der du durch deinen heiligen Diener Mose dein Volk durch die Absingung deines heiligen Liedes so lehren wolltest, dass jene Wiederholung des Gesetzes auch unsere gerade Ausrichtung werde: erwecke deine Macht über die ganze Fülle der gerechtfertigten Völker und gib Freude durch Milderung des Schrecken; damit, nachdem die Sünden aller durch deine Verzeihung getilgt sind, das, was als Strafgericht angekündigt wurde, sich in Heil verwandle.
und sehr ähnlich

Oratio der Pfingstnacht
Deus, glorificatio fidelium, et vita iustorum, qui per Moysen famulum tuum nos quoque modulatione sacri carminis erudisti: universis gentibus misericordiae tuae munus operare, tribuendo beatitudinem, auferendo terrorem; ut, quod pronuntiatum est ad supplicium, in remedium transferatur aeternum
Gott, Verherrlichung der Gläubigen und Leben der Gerechten, der du durch deinen Helfer Moses auch uns durch die Melodie des heiligen Liedes gelehrt hast: wirke sämtlichen Völkern die Gnade deiner Barmherzigkeit, indem du Seligkeit schenkst und Schrecken wegnimmst; damit was als demütigendes Strafgericht angekündigt war zum ewigen Heilmittel umgewandelt werde.
Es wird also der Unterschied zwischen Gesetz (Nachweis der Sünde in Moses Lied) und Gnade (Vergebung der Sünden) herausgestellt, wie z.B. auch in Apg 13, 37-40:
37 Der, den Gott auferweckte, hat die Verwesung nicht gesehen.
38 Ihr sollt also wissen, meine Brüder: Durch diesen wird euch die Vergebung der Sünden verkündet und in allem, worin euch das Gesetz des Mose nicht gerecht machen konnte,
39 wird jeder, der glaubt, durch ihn gerecht gemacht.
40 Gebt also Acht, dass nicht eintrifft, was bei den Propheten gesagt ist
Den Unterschied zwischen Strafgericht/Schrecken – Heil wurde schon bei der Betrachtung der Feuerweihe gemacht, als zitiert wurde:
Denn bei dem Tode Jesu erlosch, oder wurde beendiget das alte Gesetz, das Gesetz der Furcht; bei der Auferstehung aber begann das neue Gesetz, welches ein Gesetz der Liebe ist, die Herzen der Gläubigen entzündend mit dem neuen Feuer der Liebe, das aus Christus strömt.

Brennt in der Osternacht das Fegefeuer? / ergänzt

In Verfolg der Bemühungen um die Einordnung der alttestamentlichen Lesungen in den Rahmen der Osternacht stellt die Lesung aus dem vierten Kapitel des Propheten Jesaja ein rechtes Hindernis dar.
Sie ist einerseits wichtig, wie man daran erkennt, dass sie zu den Lesungen gehört, die nach der alten Ordnung sowohl an Ostern als auch an Pfingsten gelesen wurden, und (was fast noch aussagekräftiger ist) in der Reform von 1955, bei der ¾ der Lesungen gestrichen wurden, als eine von vier AT-Lesungen in der Osternacht erhalten geblieben ist.
Andererseits ist das Kapitel schwer verständlich, weshalb es 1970 nicht nur aus der Osternacht, sondern fast* vollständig aus dem Lektionar gestrichen wurde.
[* Wenn im Lesejahr A die eigentlich für den Montag der ersten Adventwoche vorgesehene Lesung Jes 2,15 schon am Sonntag dran war, kann man alternativ Jes 4,2-6 nehmen.]

Man kann es sich kurz angucken und die prophetischen Anspielungen einzeln auseinanderklamüsern. Text nach der Einheitsübersetzung 2016:
1 An jenem Tag klammern sich sieben Frauen an einen einzigen Mann und sagen: Wir wollen unser eigenes Brot essen und uns selber kleiden, nur dein Name sei über uns ausgerufen, nimm die Schande von uns!
2 An jenem Tag wird der Spross des HERRN zur Zierde und zur Herrlichkeit sein und die Frucht des Landes zum Stolz und zum Schmuck für die Entronnenen Israels.
3 Dann wird der Rest in Zion, und wer in Jerusalem noch übrig ist, heilig genannt werden, jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.
4 Wenn der Herr den Kot der Töchter Zions abgewaschen und die Bluttaten Jerusalems aus ihrer Mitte durch den Sturm des Gerichts und den Sturm der Verwüstung weggespült hat,
5 dann erschafft der HERR über der ganzen Stätte des Berges Zion und über ihren Versammlungen eine Wolke bei Tag und Rauch und eine strahlende Feuerflamme bei Nacht. Denn über der ganzen Herrlichkeit ist eine Decke.
6 Und eine Hütte wird bei Tag Schatten spenden vor der Hitze und sie dient als Zuflucht und Versteck vor Unwetter und Regen.
Vers 1 wurde in der Lesung für die Osternacht nach der Ordnung von 1955 gestrichen, da er scheinbar nicht zum Rest passt. [Daher die abweichende Farbgebung.] Er ist quasi eine Fortsetzung des vorherigen Kapitels, dessen letzter Abschnitt in meiner Ausgabe „Gericht über die Töchter Zions“ überschrieben ist. Dort werden die Gottvergessenenheit und die Ungerechtigkeit in der Verwaltung Jerusalems und Judas als Schöntuerei der „Töchter Zions“ beschrieben, die ein Ende findet.
Hier, im nächsten Kapitel, wird dem ganzen eine positive Wendung gegeben („Reue“), d.h. sieben Frauen (sieben steht im Hebräischen auch für Fülle, also alle) wollen einen Mann (also genau das Gegenteil der Schöntuerei im letzten Kapitel), und das nicht als reguläre Heirat mit Unterhalt und allem, sondern nur noch zur Schandentilgung [wie der verschwenderische Sohn nicht mehr Sohn, sondern nur noch Tagelöhner sein will (Lk 15,19)].

Zum Ausdruck „Tochter Zion“ wird gelehrt:
Zion ist ein „personifizierter Stadttitel“ für Jerusalem, Tochter Zion ein „Heilstitel des jüdischen Volkes“, dem „eine eigene metaphorische Qualität anhaftet“ und der „einen spezifischen theologischen Aussagewillen erkennen lässt“. „Die Belege für die Personifikation beschränken sich … auf drei Textsorten: … Texte, die von der Klage geprägt sind. Hier ist Jerusalem leidendes Kriegsopfer, Witwe und verlassene Mutter. [passt hier, vgl. Jes 3 vorher] Zum anderen handelt es sich um Texte, in denen die Stadt als Abtrünnige, Hure und Ehebrecherin Adressatin von Anklagen ist [passt auch]. Schließlich findet sich eine Reihe von Texten, die der Heilsankündigung zuzurechnen sind [das ist die hier betrachtete Perikope]“

Erstaunlicherweise wird in dem zitierten Artikel auf viele AT-Stellen eingegangen, nicht aber auf Jes 4, vermutlich, weil die Töchter hier Plural sind. Ich würde sagen, die Bevölkerung ist hier keine Einheit (eine Tochter), sondern wird in die Bewohner (Töchter) aufgeteilt, von denen nur ein heiliger Rest (Vers 3) übrigbleibt.

Vers 2: Der „Spross des HERRN wird zur Zierde und zur Herrlichkeit“. Erinnert 1. an Texte wie
Jer 23,5f.
23/5 Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da werde ich dem David einen gerechten Sproß erwecken. Der wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit im Land üben. 23/6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der HERR, unsere Gerechtigkeit.
oder Jer 33,15f.
33/15 In diesen Tagen und zu dieser Zeit werde ich dem David einen Sproß der Gerechtigkeit hervorsprossen lassen, der wird Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 33/16 In jenen Tagen wird Juda gerettet, und Jerusalem wird in Sicherheit wohnen. Und das wird [sein Name] sein, mit dem man es benennt: Der HERR, unsere Gerechtigkeit.
Nur das hier nicht ein Sproß Davids, sondern des Herrn, gemeint ist, der gleichzeitig „Frucht des Landes“ ist. Hm, jemand der Sohn Gottes und ein Mensch aus Israel ist ...

Vereinfachend wird hier angenommen, es handele sich um einen Hinweis auf den Messias, der den im Text beschriebenen Umschwung einleitet, wobei natürlich Beschreibungen wie „Herrlichkeit“ und „Zierde“ und „Stolz“ und „Schmuck“ nicht unbedingt auf das erste Kommen des Heilands im Fleische hindeuten.

Vers 3: Nach diesen Ereignissen sind die Bösen vertilgt, der Rest ist heilig.
Das ist ja jetzt auch noch nicht vollständig eingetreten. Da aber – im Lichte des Neuen Testaments gelesen – Jerusalem für die Kirche steht [und sich die Anspielung auf den Messias in Vers 2 also auf die zweite Ankunft „in den Herzen“ beziehen könnte] und sich in der Osternacht alles um die Taufe dreht – ist wohl gemeint, dass die Getauften der Heilige Rest sind?

Oder handelt es sich eher um eine endzeitliche Vision, das Kommen des Heilands in Herrlichkeit zum Gericht, wie der folgende Vers vermuten lässt?

Vers 4: Der „Kot der Töchter Zions [wird] abgewaschen“ „durch den Sturm des Gerichts und den Sturm der Verwüstung“, wie die Einheitsübersetzung verstehen will. Ich persönlich [aber was heißt das schon] sehe nicht, warum man hier „Ruach“ anders als sonst immer („Geist“) auffassen muss. Zum Vergleich folgen ein paar Verständnisalternativen:
  • Luther 2017: „durch den Geist des Rechts und den Geist der Läuterung“
  • Elberfelder: „durch Geist des Gerichts und durch den Geist des Ausrottens (oder Niederbrennens oder Säuberns)“
  • Hoffnung für alle: „durch seinen Geist, der Gericht hält und wie ein Feuer brennt,“
  • Schlachter 2000: „durch den Geist des Gerichts und den Geist der Vertilgung“
  • Neue evangelistische Übersetzung: „durch den Sturm von Gericht und Läuterung“
  • Zürcher Bibel 1942: „durch den Sturm des Gerichts und den Sturm der Vertilgung“
  • Riessler 1957: „durch des Gerichtes Sturmflut und durch Feuerguß“
  • Pattloch 1962: „durch den Sturm des Gerichts und den Sturm der Verwüstung“
  • Septuaginta: „durch den Geist des Gerichts und den Geist des Verbrennens“
  • Vulgata: wie Septuaginta (oder Verbrennen = Leidenschaft?)
Das Gericht ist klar genug. Das „abspülen“ passt zu „Sturm“ genausowenig wie zu „Geist“. (Außer dass die Wurzel von abspülen [dawach] in hebräischer Schrift fast genauso aussieht wie Ruach). Ich geh mit Geist.

Und warum in der Osternacht eigentlich nicht den Geist des Verbrennens, wie in Num 11/1:
Und es geschah, als das Volk sich in Klagen erging, da war es böse in den Ohren des HERRN. Und als der HERR es hörte, da erglühte sein Zorn, und ein Feuer des HERRN brannte unter ihnen und fraß am Rand des Lagers.
Das Feuer des Gerichts wäre dann aber keines der Vernichtung, Ausrottung oder Vertilgung, sondern, wie einige haben, der Läuterung, was total sinnvoll ist, weil ja der Kot abgewaschen wird, und nicht ein (weiterer) Teil der Töchter Zions ausgerottet.

Vers 5: Gott ist in ihrer Mitte als Wolke bei Tag / Feuer bei Nacht, genau wie bei der Wüstenwanderung (vgl. Ex-14-Lesung).

Vers 6: Die „Hütte“ ist im Original „Sukkot“, das ist „Laubhütte“, in denen Israel bei der Wüstenwanderung wohnte, und das Laubhüttenfest, zu dem erläutert wird (von einer Quelle, die beim copy-pasten verloren gegangen ist 😖):
Nach dem Exil wird Sukkot zu einem historischen Fest, das mit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten begründet wird und das Wohnen in Laubhütten während der Festzeit vorschreibt.
Nach dem Propheten Sacharja (Sach 14,16-19) wird Sukkot im messianischen Zeitalter ein universelles Fest sein, zu dem alle Nationen nach Jerusalem pilgern werden.
Hier ist also wieder ein messianischer Hinweis, und ein Hinweis auf einen Übergangszustand, denn es wird ja nicht auf das Gelobte Land, sondern auf die Wüstenwanderung angespielt.

Und da interpretiere ich wild: ein Zwischenzustand, wo der Kot abgewaschen wird durch Gericht und Verbrennen, nachdem der Messias kam und Gott in der Mitte der Kirche wohnt --- da muss es sich doch um das Fegefeuer handeln!?

Was aber sagt der Kontext der Osternacht? Der Tractus aus Jes 5,1-2 ist die direkte Fortsetzung der Lesung [Jesaja Kapitel 4 hat nur die 6 Verse]:

Tractus
1 Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe.
2 Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit edlen Reben.
Er baute in seiner Mitte einen Turm und hieb eine Kelter in ihm aus. Denn der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel
[Der farblich markierte Text steht im Tractus, aber nicht in der Bibel.]

Die Orationes gehen auf diesen Hinweis mit dem Weinberg dankbarer ein:

Oratio in der Osternacht
Deus, qui in omnibus Ecclesiae tuae filiis, sanctorum prophetarum voce manifestasti, in omni loco dominationis tuae, satorem te bonorum seminum et electorum palmitum esse cultorem: tribue populis tuis, qui et vinearum apud te nomine censentur, et segetum; ut, spinarum et tribulorum squalore resecato, digna efficiantur fruge foecundi
Gott, der du allen Kindern deiner Kirche durch die Stimme der heiligen Propheten verkünden ließest, dass du an allen Orten deiner Herrschaft Sämann guten Samens und Pflanzer erlesener Weinstöcke bist: gewähre deinen Völkern, die dir als Weingärten und Saatfelder gelten: dass, nachdem der Schmutz der Dornen und Burzeldorne zurückgeschnitten ist, sie fruchtbar würdige Früchte hervorbringen.
[Jetzt wissen wir ja, dass der Sämann guten Samens den Lolch aus dem untergejubelten Samen nicht ausreissen ließ bis zur Ernte (Mt 13,24-30). Wieder ein Hinweis auf das Fegefeuer?]

Zu den Burzeldornen: das lateinische tribulus ist ein Fremdwort aus dem Griechischen, wo es allgemein „stacheliges Unkraut“ heißt; normalerweise wird tribulus gerne frei als Distel übersetzt) [z.B. nach dem Sündenfall in Gen 3,18: „… so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; 3/18 und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen …“ oder auch Mt 7,16: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen eine Traube oder von Disteln Feigen?“ oder Hebr 6,7f.: „6/7 Denn ein Land, das den häufig darauf kommenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt für diejenigen, um derentwillen es auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott; 6/8 wenn es aber Dornen und Disteln hervorbringt, so ist es unbrauchbar und dem Fluch nahe, der am Ende zur Verbrennung führt.“
[ah, wieder das Verbrennen]

[Unwichtiges Detail: für zurückgeschnitten (oder beseitigt) steht „resecato“, was italienisch ist (die Form wird gebildet, als ob resecare ein regelmäßiges Verb wäre), korrektes Latein wäre resecto]

Das Gebet klingt eigentlich weniger endzeitlich. Eigentlich mehr so, als bete die Kirche besser zu fruchten, nachdem der Weinberg der Kirche gereinigt wurde.

Wobei unklar ist, wie das mit der Osternacht zusammenhängt, da zum einen die Taufe als Reinigung der neuen Glieder und zum anderen Tod und Auferstehung D.N.I.C. zur Erlösung der Menschheit [die sich im Gericht als hilfreich erweisen wird, wenn man bis dahin angemessen auf die Gnade Gottes geantwortet hat] vorkommen, bisher aber nicht eine zwischenzeitliche Reinigung.

Oratio in der Pfingstvigil:
Omnipotens sempiterne Deus, qui per unicum Filium tuum, Ecclesiae tuae demonstrasti te esse cultorem, omnem palmitem, fructum in eodem Christo tuo, qui vera vitis est, afferentem, clementer excolens, ut fructus afferat ampliores: fidelibus tuis, quos velut vineam ex Aegypto per fontem baptismi transtulisti, nulla peccatorum spinae praevaleant; ut Spiritus tui sanctificatione muniti, perpetua fruge ditentur
Allmächtiger ewiger Gott, der du durch deinen einzigen Sohn deiner Kirche gezeigt hast, dass du der Anbauer des ganzen Weinstocks, der Frucht in deinem besagten Christus, welcher die wahre Rebe ist, bringt, bist, den du sanft ausputzt, dass er reichere Frucht bringe: gegen deine Gläubigen, die du wie einen Weinstock aus Ägypten durch die Quelle der Taufe hinübergetragen hast, mögen die Dornen der Sünden in nichts die Oberhand behalten, dass sie [die Gläubigen], durch die Heiligung deines Geistes bekräftigt, durch die ewige Frucht bereichert werden.
Das sieht fast so aus, als hätte jemand alle Bibelverse, in denen etwas mit Weinberg/-stock/-rebe vorkam, zusammengestoppelt. Kommt aber auch irgendwie darauf hinaus, dass Gott die trockenen Reben abschneiden möge, aber doch so, dass wir die Sünden besiegen und die ewige Frucht (also das Himmelreich) erlangen mögen.

Wenn man dem „sanft ausputzend“ allerdings Joh 15/2 entgegensetzt: „Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, daß sie mehr Frucht bringe.“ wird hier noch ein erster Teil betont, der das Wegnehmen (und ins Feuer werfen, Joh 15,6) beinhaltet.

Möge also, lese ich aus Jes 4, der Allmächtige uns vor dem Feuer der Hölle verschonen und gnädig Zugang zum Fegefeuer gewähren, dass wir nach abgebüßter zeitlicher Strafe uns an der Feuersäule seiner Gegenwart zu erfreuen zugelassen werden.



Ergänzung
Hier hätten wir ein Beispiel, wie man auf beiden Augen blind sein kann.
Zum einem wunderte ich mich bei der Oratio nach der Ex-14-Lesung

Gott, der du die [Bedeutung der] in den Vorzeiten vollbrachten Wunder durch das Licht des Neuen Testamentes offenbart hast: dass sowohl das Rote Meer als Symbol der heiligen Quelle [=des Taufbrunnens] sich zeigt als auch das aus der Knechtschaft befreite Volk die Sakramente der Christenheit darstellt …

dass die Sakramente im Plural stehen, und glaubte, es läge daran, dass diese spezielle Oratio an Pfingsten gebetet werde, oder daran, dass die Erwachsenen bei der Taufe gleich gefirmt werden.
Zum anderen habe ich hier einen „Heiligen Rest“, der durch den Messias gerettet wurde, der „durch den Geist des Gerichts und durch den Geist der Läuterung“ von Schmutz gereinigt wird, während Gott in ihrer Mitte ist.
Und sehe nicht, dass es ein Sakrament gibt, das der Beschreibung der Jes-4-Lesung exakt entspricht.
Möchte daher als Alternative zur Fegefeuer-Interpretation nachtragen, dass in der hier besprochenen Perikope möglicherweise die Beichte beschrieben wird, die möglich wurde, weil DNIC durch sein Leiden, Kreuz und Auferstehung die Erbsünde getilgt und uns den Weg zu Nachlass, Vergebung und Verzeihung unserer Sünden eröffnet hat.
 

Wie das Blut Christi uns zur Ausdauer mahnt

Nach dem Empfang des Leibes Christi nimmt der Priester den Kelch und betet
Das Blut Christi geleite mich zum ewigen Leben.
und kommuniziert ehrfürchtig das Blut. Danach teilt der die Kommunion an die Gemeinde aus.

Nach der alten Ordnung machte der Priester zunächst noch eine Kniebeuge vor dem offenen Kelch, sammelte eventuell auf dem Korporale liegende Partikel des Allerheiligsten ein, wischte solche von der Patene in den Kelch und betete dabei Ps 116,12f. und Ps 18,4
Quid retríbuam Dómino pro ómnibus, quæ retríbuit mihi? Cálicem salutáris accípiam, et nomen Dómini invocábo. Laudans invocábo Dóminum, et ab inimícis meis salvus ero.
Was kann ich dem Herrn zurückgeben für alles, was er mir gegeben hat? Den Kelch des Heils will ich ergreifen und den Namen des Herrn anrufen. Lobend werde ich den Herrn anrufen und von meinen Feinden gerettet sein.
Zu diesem Gebet kommentiert der früher schon einmal zitierte Molitor:

Ich kann dem Herrn, der für uns gelitten hat und wollte, dass wir seinem Beispiel folgen, vergelten, indem auch ich Leiden und Bedrängungen geduldig ertrage. Solchen aber, die selbst um Jesus Willen nichts ertragen wollen, wird er am Tage des Gerichts sein Leiden vorhalten, das er wegen ihnen erlitten hat und für welches sie ihm nicht zurückgeben wollten.

Diese Bemerkung ist Teil einer Ausführung über die Tugend der Geduld, welche wichtig ist aus vier Gründen:

[Man versteht einige Gleichsetzungen im Folgenden besser, wenn man sich erinnert, dass Geduld = patientia auch Ankläge von erleiden, ertragen, Ausdauer, Gelassenheit, aushalten, überstehen, zulassen bis zu ‚das Martyrium erleiden’ mitschwingen lässt.]

1. Geduld/Ausdauer macht den Menschen zum Märtyrer.
Gregor: Man kann ohne Schwert und Flammen Martyrer sein, wenn wir wahre patientia im Herzen bewahren. Wie auch über den Hl. Martin gesungen wird: „o heiligstes Seele, die wenn sie auch das Schwert des Verfolgers nicht empfing, dennoch die Palme des Martyriums nicht verlor.“
[Hinweis: Der Hl. Martin war der erste offizielle Heilige der Kirche, der nicht als Martyrer gestorben ist.]

Und über den Hl. Johannes Apostel & Evangelist sagt Hieromymus: „Zwar vergoss der Verfolger sein Blut nicht, dennoch hat er das Martyrium in der Seele: denn geduldig war er in Bedrängnissen, und hatte den Willen zur Ausdauer.“
Mehr Verdienst hat, wer den Willen zur Ausdauer hat, als wer unfreiwillig leidet, denn jener hat kein Verdienst.

2. Weil patientia den Menschen zum Sohn Gottes macht. Sprichwörter Kapitel 3: Wen der Herr liebt, züchtig er, wie der Vater einen Sohn, so will er ihm wohl. Gregor: wie die Erwählten, die fürchten, dass die aufgeschobene Strafe am Ende schwerer ausfalle, wünschen, dass die väterliche Züchtigung bald geschehe, und den Schmerz einer Wunde für eine Arzneimittel des Heils halten, muss der Kranke sich freuen, wann er in Gestalt seiner Sorge die himmlische Arznei sich  eingeflößt sieht, und darin auf Gesundheit hoffen.

Beispiel: Man liest von einen heiligen Vater, der jedes einzelne Jahr vom Herrn durch Krankheit heimgesucht wurde, und als er ihn ein Jahr nicht heimsuchte, war er verwirrt und sagte: Ob der Herr meiner wohl vergessen hat?!

3. patientia macht einen Menschen unbesiegbar. Die vornehmste Art des Siegens ist patientia: es siegt, wer leidet; wenn jemand besiegen will, lerne er zu leiden: wahrlich nämlich kann wer geduldig aushält von der ganzen Welt nicht besiegt werden.

Gregor: Auf drei Weisen ist die Tugend der patientia auszuüben: Eine nämlich bei dem, was wir von Gott, einmal, was wir vom Feind, einmal, was wir vom Nächsten erleiden müssen. Vom Nächsten sollen wir nämlich ertragen: Verfolgung, Nachteile, Schande; vom alten Feind: Versuchung; von Gott: Strafe.

Dass der Mensch durch patientia Folter besiegt, sagt Augustinus: Nichts ist stärker als ein Mensch, der Liebe hat. Liebe in Geduld besiegt alles.
Beispiel: der selige Vincentio sagte zu Dacium: du wirst sehen, dass ich, der gefoltert wird, mehr ertragen kann als jener, der foltert. Und als er geduldig die Folter ertrug, fühlte Dacius, als er das sah, sich besiegt.

Gleichfalls besiegt Folter den Teufel: denn als Gott dem Teufel die Macht gab, Iob zu versuchen und zu bestrafen, konnte ihn der Teufel doch nicht überwinden, sondern Hiob gewann durch patientia, denn "in all diesem sündigte er nicht mit seinen Lippen, und sprach nicht Lästerliches gegen Gott, sondern sagte: der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, wie es dem Herrn gefiel ist es geschehen, der Name des Herrn sei gepriesen.“

4. wird der Mensch durch patientia Christus ähnlicher. Christus hat für uns gelitten, und hat euch ein Beispiel hinterlassen, dass ihr folget seinen Spuren (1. Petr. 2). Christus wollte, dass wir etwas erdulden/erleiden wie auch er selbst gelitten hat.

Und damit kommen wir wieder zum Psalm-Zitat und dem Gebet des Priesters vor dem Empfang des Blutes Christi, das früher gebetet wurde.