Mittwoch, 28. August 2019

Vom Geist, der Augustinus tränkte, erfüllt, dürsten wir

„Gott dürstet danach, daß wir nach ihm dürsten“, lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2560 über das Gebet und verweist dabei auf den Heiligen Augustinus (quæs 1. 64,4). Von diesem Gedanken inspiriert betet die Katholische Kirche an seinem Festtag.
Die ganze Katholische Kirche? Sehen wir, was das Deutsche Messbuch daraus macht …

Abkürzungen zu den Anmerkungen
DM#1: Anrede geändert
DM#3: Bitte wird zum Imparativ
DM#5: weitschweifige Vielwörterei
DM#6: Konzentration auf „Uns“, worum es in der Messe schließlich geht, nicht wahr.
DM#8: Vertauschung von Mittel und Zweck

Tagesgebet
Innova, quǽsumus, Dómine, in Ecclésia tua spíritum, quo beátum Augustínum epíscopum imbuísti, ut, eódem nos repléti, te solum veræ fontem sapiéntiæ sitiámus, et supérni amóris quærámus auctórem.
Übersetzung
Erneuere, bitten wir, Herr, in deiner Kirche den Geist, mit dem du den seligen Bischof Augustinus getränkt hast, dass wir vom ihm [dem Geist] erfüllt nach dir als einziger Quelle der wahren Weisheit dürsten, und als Urheber der oberen Liebe suchen.
[imbuere und replere heißen beide „erfüllen“, dabei imbuere (von einem alten Wort für Wasser stammend) auch tränken, eintauchen, einweihen, unterweisen, was hübsch mit dürsten und Quelle zusammenspielt.]

Deutsches Messbuch
Allmächtiger Gott, wir rufen dich an: Erwecke in deiner Kirche aufs Neue den Geist, mit dem du den heiligen Bischof Augustinus erfüllt hast. Gib auch uns die Sehnsucht nach dir, dem Quell der wahren Weisheit und dem Ursprung der Liebe.
Anmerkungen
  • DM#1: Herr ⇒ allmächtiger Gott
  • DM#5: wir bitten ⇒ wir rufen dich an
    Drama-Queen am Werk?
  • DM#5: erneuere ⇒ erwecke aufs Neue
    Hier verrutscht es inhaltlich: original ist der Geist vorhanden, aber alt geworden, im DM muss der Geist (wieder mal, aufs Neue) erweckt werden.
  • dass wir vom ihm erfüllt dürsten ⇒ gib auch uns die Sehnsucht
    Das Bild vom tränken vs. dürsten nach der Quelle bzw. der Parallele zwischen Augustinus und Beter in dem zweifachen Ausdruck für „erfüllt“ geht komplett verloren.
    Im Original ist das Dürsten eine Folge des Erfülltseins mit dem erneuerten Geist, im DM die Sehnsucht eine weitere, mit dem vorherigen unverbundene Extra-Bitte.
    Das DM hat möglicherweise Augustinus-Zitate mit Sehnsucht (z.B. „Die Sehnsucht betet stets, auch wenn die Zunge schweigt. Wann schläft das Gebet ein? Wenn die Sehnsucht erkaltet.“) im Hinterkopf, aber das Original verwendet ein stimmiges Bild, und Sehnsucht nach der Quelle ist halt Durst, wie in dem Taizé-Lied Des Nachts, wenn wir gehn, die Quelle zu finden, ist der Durst unser einziges Licht.
  • Urheber der oberen Liebe ⇒ Ursprung der Liebe
    auctor ist wörtlich „Förderer, d.i. der, der etwas noch nicht Vorhandenes unmittelbar od. mittelbar ins Dasein fördert“, also in vielem Sinn der Anstifter von etwas, z.B. Erfinder, Gründer, Erbauer, Stammvater, Ratgeber, Verfasser, Lehrer, Erzeuger, Schöpfer, aber nicht (wie Quelle) einfach das, wo etwas herkommt, oder „Ursprung“ – dafür gibt es (nach meinem Wörterbuch) mindestens 14 andere Wörter.
    Das im DM gestrichene „obere“ vor Liebe kann himmlisch oder göttlich - halt „oben befindlich“ - meinen.
Fazit
Das Original ist um ein Bild gebaut, schlicht und schön, die DM-Variante mit großer Geste pathetisch und hohl. Das alte Tagesgebet war dagegen eher im üblichen Muster gehalten:

Oratio (1962)
Adesto supplicationibus nostris, omnipotens Deus: et, quibus fiduciam sperandae pietatis indulges, intercedente beato Augustino Confessore tuo atque Pontifice, consuetae misericordiae tribue benignus effectum.
Übersetzung
Merke auf unser Flehen, allmächtiger Gott, und denen du die Zuversicht auf die zu erhoffende Milde bewilligst, gestehe gütig, auf die Vermittlung deines Bekenners und Bischofs Augustinus, die Wirkung der gewohnten Barmherzigkeit zu.

Gabengebet
Salútis nostræ memoriále celebrántes, cleméntiam tuam, Dómine, supplíciter exorámus, ut hoc sacraméntum pietátis fiat nobis signum unitátis et vínculum caritátis.
Übersetzung
Unseres Heiles Andenken feiernd erflehen wir demütig deine Sanftmut, dass dieses Sakrament der kindlichen Liebe uns zum Zeichen der Einheit und zum Band der Nächstenliebe werde.
Deutsches Messbuch
Gütiger Gott, nach dem Auftrag Christi feiern wir das Gedächtnis unserer Erlösung. Mache diese Gaben zum Sakrament, das uns die Einheit verheißt und uns in Liebe zusammenschließt.
Anmerkungen
  • DM#1: Herr ⇒ gütiger Gott
  • feiernd ⇒ nach dem Auftrag Christi feiern wir
  • DM#3: wir erflehen demütig deine Sanftmut, dass [es] werde ⇒ mache [es]
    Das ist DM pur, das Paradebeispiel für „den Dialog auf Augenhöhe“, den der „mündige Christ“ mit Gott führen zu dürfen meint.
  • dieses Sakrament der kindlichen Liebe ⇒ diese Gaben
    Mir drängt sich der Verdacht auf, dass das „nach dem Auftrag Christi“ oben ein Ersatz für die kindliche Liebe (oder Frömmigkeit oder das Pflichtbewusstsein) hier sein soll. 
  • DM#5, DM#6, DM#8: zum Zeichen der Einheit und zum Band der Nächstenliebe ⇒ zum Sakrament, das uns die Einheit verheißt und uns in Liebe zusammenschließt
    Original wird das Sakrament zum Zeichen und Band, im DM die Gaben zum Sakrament.
    Zumindest konnte das DM noch zwei „Uns“ unterbringen und von „verheißen“ und „zusammenschließen“ fantasieren.
Fazit
Ich fühle mich außer Stand, den Unterschieden und ihren Implikationen im Einzelnen nachzuspüren, bin aber sicher, da es welche gibt. Das Gebet ist völlig ausgeweidet – alles, was seinen Ausdruck und sein Anliegen ausmacht, wurde gestrichen. Der Hochmut des DM, das Gott weder anflehen, noch demütig bitten, noch an göttliche Sanftmut oder die fromme Antwort der kindlichen Anhänglichkeit an Gott erinnern will, der nicht bittet, dass es werde, sondern Gott stattdessen wie einem Handlager befiehlt: „Mache“ – ist kaum zum Aushalten.
Das alte Gabengebet ist einfach gehalten:

Secreta (1962)
Sancti Augustini Pontificis tui atque Doctoris nobis, Domine, pia non desit oratio: quae et munera nostra conciliet; et tuam nobis indulgentiam semper obtineat.
Übersetzung
Deines Heiligen Bischofs und Doktors Augustinus frommes Gebet, Herr, möge uns nicht ermangeln, welches sowohl unsere Gaben empfehle als auch deine Nachsicht uns immer gewinne.

Schlussgebet
Sanctíficet nos, quǽsumus, Dómine, mensæ Christi participátio, ut, eius membra effécti, simus quod accépimus.
Übersetzung
Es heilige uns, bitten wir, Herr, die Teilnahme an Christi Tisch, dass wir, zu seinen Gliedern gemacht, seien was wir empfangen haben.
Deutsches Messbuch
Herr, unser Gott, heilige uns durch die Teilnahme am Mahl deines Sohnes, damit wir als Glieder am Leibe Christi in Wahrheit das sind, was wir im Sakrament empfangen haben.
Vergleich
  • DM#1: Herr ⇒ Herr, unser Gott
  • DM#8: die Teilnahme heilige uns ⇒ heilige uns durch die Teilnahme
  • DM#3: „bitten wir“ ersatzlos gestrichen
  • an Christi Tisch ⇒ am Mahl deines Sohnes
  • wir, zu seinen Gliedern gemacht ⇒ wir als Glieder am Leibe Christi
  • seien ⇒in Wahrheit das sind
  • was wir empfangen haben ⇒ was wir im Sakrament empfangen haben
Fazit
Bei einem so kurzen Gebet ohne „umstrittene“ Demutshaltungen kann man wohl nur an ein paar Wörtern drehen, ohne an Klarheit zu gewinnen, und einige Erläuterungen für die Kindergartenkinder, die etwa in der Messe sind, einstreuen.

Postcommunio (1962)
Ut nobis, Domine, tua sacrificia dent salutem: beatus Augustinus Pontifex tuus et Doctor egregius, quaesumus, precator accedat.
Übersetzung
Dass uns, Herr, deine Opfer Heil geben: möge dein seliger Bischof und herausragender Doktor Augustinus, bitten wir, als Bittsteller herantreten.
Bekenntnis
Nach dem Austausch „wir erflehen demütig deine Sanftmut, dass [es] werde“ gegen „mache [es]“ hat die Beschäftigung mit dem Geist des Deutschen Messbuchs für mich seinen Höhepunkt erreicht, der ihr baldiges Ende absehen lässt.

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