Sonntag, 14. September 2014

Für das Leben



Das Wenige, das mir über den bevorstehenden „Marsch für das Leben“ bekannt wurde ist, dass schweigend und mit weißen Kreuzen gegen die Abtreibung demonstriert wird. Das ist einerseits ein berechtigtes Anliegen. Gemeinsam mit anderen Ansätzen, von denen ich gehört habe (Bilder von zerstückelten Kindern, Berichte über das seelische Leid der Dann-doch-nicht-Mütter) zielt dies darauf ab, Abscheu vor dem Töten zu erwecken.

Die Adressatinnen nehmen den Marsch daher andererseits als Eingriff in ihren Lebensentwurf wahr, woraus sich auch die letztwöchigen negativen Einlassungen politischer Akteure im Bundestag und die aggressiven Gegendemonstrationen erklären. Oder in den gerade lautstark zu vernehmenden Worten meines Nachbarkindes zu ihrem Vater: „Du willst immer nur mit mir schimpfen!“. Nun kenne ich dessen Eltern gut genug um zu wissen, dass denen nichts ferner liegt, denn die sind äußerst sanftmütig und liebevoll zu ihren Kleinen. Aber jedenfalls nimmt das Kind die Situation so wahr.

Da kam mir aus meiner Toilettenlektüre folgender Gedanke in den Sinn (René Descartes, Die Leidenschaften der Seele, Artikel 139 f.):

Wenn diese Erkenntnis [welche die Leidenschaften hervorruft] wahr ist, d.h. wenn sie uns dazu bringt, die Dinge zu lieben, die wahrhaft gut sind, und ebenso dazu bringt, diejenigen zu hassen, die wahrhaft schlecht sind, ist die Liebe dennoch unvergleichlich besser als der Haß. Sie kann nie zu groß werden und verfehlt niemals, Freude hervorzubringen. Ich sage, diese Liebe ist außerordentlich gut, denn sie vervollkommnet uns dadurch, daß sie uns mit wahrhaft Gutem verbindet. …
Der Haß könnte im Gegenteil dazu nie zu klein sein, so daß er nicht schaden könnte, denn er ist niemals ohne Traurigkeit. Ich sage, er könnte nicht klein genug sein, da wir zu keiner Handlung durch den Haß des Bösen veranlaßt werden, zu der wir nicht noch besser durch die Liebe des Guten, die ihm entgegengerichtet ist, veranlaßt werden können, wenigstens wenn dies Gute und Böse uns gut bekannt ist.

Da frage ich mich: wenn man für das Leben marschiert – wäre es nicht gut, solches dabei zu haben? Also statt der Kinder, die nicht da sind, mit Kreuzen zu gedenken, um auf den Fehler der Abtreibung zu deuten, die Kinder, die es gibt, in einem bunten Treiben einzubinden, um die Liebe zu einem alternativen Lebensentwurf (Liebe statt verantwortungsnegierenden Sex, Kinder statt egomanische Freizeitgestaltung) zu wecken?

Kommentare:

  1. Also, da laufen sehr wohl Kinder mit. Zumindest 2012!
    http://www.youtube.com/watch?v=u6iMSCUKFJk

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    1. Ich weiß - wie gesagt - wenig darüber.
      Die Idee war nahezulegen, eher für das Gute zu werben als das Schlechte anzuprangern.
      Lustigerweise wird der angestrebte Effekt aktuell nebenan beschrieben (http://www.intellektuellesweichei.de/?p=9114)

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    2. R, Descartes hat insofern natürlich recht, wenn er feststellt dass keine Handlung durch den Hass des Bösen schon der Weisheit letzter Schluss ist. Allerdings betont er am Ende des Zitates, dass uns dies Gute und Böse gut bekannt sein soll, wenn wir überhaupt etwas ausrichten wollen. Wer will ernsthaft bestreiten, dass der Großteil unserer Bevölkerung keine Ahnung davon hat, was eine Abtreibung bewirkt, geschweige denn dieselbe in Gut und Böse zu definieren. Es gibt sogar Landsleute die die Abtreibung als Frauenrecht ausrufen wollen.

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    3. Klar, wie sagt schon der Philosoph von Southpark nach seiner/ihrer Geschlechtsumwandlung: "Wie kann ich eine Frau sein, wenn ich nicht schwanger werden und abtreiben kann".
      Erkenntnis steht halt derzeit nicht gerade hoch im Kurs, wenn es darum gilt, handlungsleitende Orientierung zu gewinnen. Ist halt leichter, sich seine Meinung zu googlen ...

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  2. Soeben in die kath. Bloggerliste eingebaut.
    Herzlich willkommen!

    www.bloggerliste.blogspot.de

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    1. Vielen Dank! Die ersten Besucher sind schon wieder weg ;-)

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